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Uni-Siegen
14. März 2017

Sprache im Nationalsozialismus

Veranstaltungsplan 1. Sitzung: Einführung und Überblick 2. Sitzung: Ereignisgeschichtlicher Überblick zum NS (Zahlen, Daten, Fakten). 3. Sitzung: Ideologische Bestände des NS im Überblick (Rassismus, Antisemitismus, Volksgemeinschaft, völkische Ideologie, Bewegungssemantik etc.) - Arendt (1986) 4. Sitzung: Textanalysen I (Alltagstexte im NS)...

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Veranstaltungsplan 1. Sitzung: Einführung und Überblick 2. Sitzung: Ereignisgeschichtlicher Überblick zum NS (Zahlen, Daten, Fakten). 3. Sitzung: Ideologische Bestände des NS im Überblick (Rassismus, Antisemitismus, Volksgemeinschaft, völkische Ideologie, Bewegungssemantik etc.) - Arendt (1986) 4. Sitzung: Textanalysen I (Alltagstexte im NS) 5. Sitzung: Textanalysen II (Hitlerrede, z.B. nach Maas 1984:55-90) 6. Sitzung: Textanalysen III (Linguistischer Fachtext) 7. Sitzung: Wortschatz (Gibt es einen NS-spezifischen Wortschatz?) (Sternberger u.a. 1985, Klemperer 1970) 8. Sitzung: Methodologische Probleme der Analyse von NS-Texten (Das Problem der historischen Konnotation; -Die Macht des Wortes-; die sprachliche Manipulationsthese) 9. Sitzung: Der -stumme Gast-, Quellen der Besonderheiten in NS-Sprache und NS-Rhetorik 10. Sitzung: Textanalysen IV: Sprache des Widerstandes? (Flugblätter, Aufruf des 20. Juli; vgl. Maas 1984:145-165) 11. Sitzung: Sprachpolitik, Sprachpflege, Sprachlenkung im NS; Sprachpolitik in den besetzten Ländern (einschlägige Beiträge aus Ehlich 1990, Bork 1970, Christoph Sauer 1985) 12. Sitzung: Zusammenfassung und Schlussfolgerungen Kommentar Eine spezifische Sprache -des- NS gibt es nicht. Was uns heute an Lexemen als NS-spezifisch imponiert, das bezeichnet überwiegend NS-spezifische Einrichtungen, Organisationen, Verhältnisse etc. (Gestapo, Konzentrationslager, SS, Abstamungsnachweis, Lebensborn, Führer, Lebensraum, Rassenschande...). Wer solche Lexeme listet, der erfährt über die Sprache im NS wenig. Im Zentrum der Vorlesung steht die Frage, ob es darüber hinaus einen NS-spezifischen Sprachgebrauch, ob es NS-spezifische textuelle Strategien in verschiedenen Bereichen des öffentlichen Sprechens und Schreibens gibt. Wenn es gelingt, solche NS-spezifischen Text- und Sprachgebrauchsmerkmale dingfest zu machen, dann wäre der Frage nachzugehen, woher sie stammen und wodurch sie sich auszeichnen. Unhaltbar und widerlegt ist die Vorstellung eines einheitlichen sprachlich-ideologischen Komplexes, der von oben administriert worden wäre und jedes -abweichende- Wort unmöglich gemacht hätte. Zu bestimmen sind vielmehr die Grenzen der im NS -geduldeten sprachlichen Mehrstimmigkeit-. Vor pauschalen Aussagen werden wir uns in vielen Hinsichten zu hüten haben. So ist die politische Rhetorik der Konsolidierungsphase der NS-Herrschaft (1933-1936) eine andere als die Rhetorik der Kriegsvorbereitung und schließlich die des -Totalen Krieges-. In Fachzeitschriften sind andere Texte -möglich- als im -Völkischen Beobachter-, und in den deutschen Zeitungen für die besetzten Länder im Westen gilt eine andere rhetorische Bereichslogik als für eine regionale Tageszeitung im -Reich-. Zieht man nicht-öffentliche Äußerungen hinzu (wie etwa die sprachlich nicht erschlossenen, für den internen Dienstgebrauch bestimmten SD--Meldungen aus dem Reich- (Boberach 1969), die u.a. von den Reaktionen der Bevölkerung auf offizielle Verlautbarungen und Ereignisse berichten, so verfügt man zusätzlich über sprachliche -Rezeptionsdokumente-, deren Zuverlässigkeit freilich nicht leicht einzuschätzen ist. All das zwingt zu sorgfältigen rhetorischen Konstellationsanalysen, bevor man daran gehen kann, die Texte en détail zu analysieren. Einiger Aufwand wird auch für die Behandlung methodologischer Fragen vonnöten sein: Wie analysiert man einen Text auf NS-spezifische Spuren, Verfahren, Techniken? Wichtige und grundlegende Literatur Arendt, Hannah (1986): Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft. München, Zürich: Piper. (zuerst engl. 1951, deutsche Ausgabe zuerst 1955). Berning, C. (1964): Vom Abstammungsnachweis zum Zuchtwart. Berlin. Boberach, A., Hrsg. (1969): -Meldungen aus dem Reich-. Auswahl aus den geheimen Lageberichten des Sicherheitsdienstes der SS 1939-1944. Neuwied, Berlin: Luchterhand. Bork, S. (1970): Mißbrauch der Sprache. Tendenzen nationalsozialistischer Sprachregelung. Bern, München. Burke, Kenneth (1971): Die Rhetorik in Hitlers -Mein Kampf- und andere Essays zur Strategie der Überredung. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Dieckmann, Walther (1975): Sprache in der Politik. Einführung in die Pragmatik und Semantik der politischen Sprache. 2. Aufl. Heidelberg: Winter. Ehlich, Konrad, Hrsg. (1990): Sprache im Faschismus. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Faye, Jean-Pièrre (1978): Totalitäre Sprachen. 2 Bde. Januschek, Franz, Hrg. (1985): Politische Sprachwissenschaft. Opladen. Klemperer, Victor (1970): LTI. Notizbuch eines Philologen. 3. Aufl. Leipzig: Reklam. Maas, Utz (1984): -Als der Geist der Gemeinschaft eine Sprache fand-. Sprache im Nationalsozialismus. Versuch einer historischen Argumentationsanalyse. Opladen: Westdeutscher Verlag. Maas, Utz (1985): -Konnotation-. in: Januschek (1985: 71-96). Römer, Ruth (1985): Sprachwissenschaft und Rassenideologie in Deutschland. München: Fink. Sauer, Christoph (1985): NS-Sprachpolitik in der Besatzungssituation. in: Januschek (1985: 271-306). Sauer, Christoph (1995): -Sprachwissenschaft und NS-Faschismus. Lehren aus der sprachwissenschaftlichen Erforschung des Sprachgebrauchs deutscher Nationalsozialisten und Propagandisten für den mittel- und osteuropäischen Umbruch?- in: Steinke, Klaus (Hrsg.): Die Sprache der Diktaturen und Diktatoren. Heidelberg: Winter, S. 9-96. [Glänzender Forschungsbericht mit kompletter Bibliographie] Simon, Gerd (1979): Sprachwissenschaft und politisches Engagement. Zur Problem- und Sozialgeschichte einiger sprachtheoretischer, sprachdidaktischer und sprachpflegerischer Ansätze in der Germanistik des 19. und 20. Jahrhunderts. Weinheim. Simon, Gerd (1985): -Sprachwissenschaft im 3. Reich. Ein erster Überblick-. in: Januschek (1985: 375-396). Simon, Gerd (1985a): -Die sprachsoziologische Abteilung der SS-. Kürschner, W. & Vogt, R. (Hrsg.): Sprachtheorie, Pragmatik, Interdisziplinäres. Akten des 17. Linguistischen Kolloquiums in Vechta, Bd. 2. Tübingen. 375-396. Simon, Gerd (1986): -Der Wandervogel als 'Volk im Kleinen' und Volk als Sprachgemeinschaft beim frühen Georg Schmidt (-Rohr)-. in: Brekle, H.E. & Maas, U. (Hrsg.): Sprachwissenschaft und Volkskunde. Perspektiven einer kulturanalytischen Sprachbetrachtung. Opladen 1986. S. 155-184. Simon, Gerd (1989): -Sprachpflege im 'Dritten Reich'-. Konrad Ehlich (Hrsg.): Sprache im Faschismus. Frankfurt/M. 58-87. Simon, Gerd (1989): Muttersprache und Menschenverfolgung. Stuttgart. Sternberger, D. & Storz, G. & Süskind, W.E. (1985): Aus dem Wörterbuch des Unmenschen. 3. Aufl. München. Germanistik - Sprachwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2012/13 Univ.-Prof. Dr. Knobloch Clemens