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14. März 2017Stadtentwürfe Écrire la métropole esquisser la ville
Städte zeichnen sich von jeher durch ihre Ambivalenz aus: Sie sind Orte der Begegnung, aber auch der Verdichtung und der Trennung. Insbesondere moderne Metropolen sind spätestens mit dem Anbruch des kolonialen Zeitalters durch Grenzziehungen markiert: In ihrer Aufteilung in Oberstadt...
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Jetzt Lernplan erstellenStädte zeichnen sich von jeher durch ihre Ambivalenz aus: Sie sind Orte der Begegnung, aber auch der Verdichtung und der Trennung. Insbesondere moderne Metropolen sind spätestens mit dem Anbruch des kolonialen Zeitalters durch Grenzziehungen markiert: In ihrer Aufteilung in Oberstadt und Unterstadt, in Zentrum und Peripherie, in Altstadt und Neustadt, Gated Community und Slum zeichnet sich eine sozioökonomische Stratifizierung ab, die soziale und kulturelle Grenzziehungen offenbart, zugleich aber subkulturelle Räume der Überschreitung und der Begegnung schafft. Dies zeigt sich etwa in spezifisch urbanen Kunstformen wie Slam, Hip-Hop und Graffiti.
Im Seminar wenden wir uns verschiedenen Formen künstlerischer Stadtentwürfe aus dem frankophonen Kontext aus zwei Jahrhunderten zu: Wir beginnen mit literarischen Skizzen der Metropole Paris aus dem 19. Jahrhundert durch Literaten wie Walter Benjamin und Charles Baudelaire, die zur Fundierung des 'Mythos' der Stadt Paris beigetragen haben. Diesen modernen Stadtentwürfen stellen wir zeitgenössische Skizzen der französischen Metropole aus dem 20. und 21. Jahrhundert gegenüber, wenn wir uns mit Texten auseinandersetzen, die im Kontext von Migration und Diaspora entstanden sind. Diese Skizzen, wie sie etwa postkoloniale Romane subsaharischer afrikanischer Autoren oder frankphone Hip-Hop-Texte ab den 1990ern liefern, dekonstruieren den Mythos Paris, indem sie den Blick vom historischen Zentrum auf die Banlieue lenken.
Der Fokus des Seminars beschränkt sich jedoch nicht auf die europäische Großstadt, sondern widmet sich gleichsam Perspektivierungen des Stadt-Raums, wie sie frankophone Romane des Maghreb und Französisch-Kanadas vornehmen. Der algerische Autor Salim Bachi etwa entwirft Skizzen einer imaginären algerischen Stadt, in der sich die gewaltsamen Erfahrungen von Kolonialisierung und Dekolonisierung fortschreiben. Demgegenüber offenbaren die Texte Marie-Célie Agnants, wie sich die verwirrende Kartographie der Großstadt Québec in den Augen haitianischer Migrantinnen darstellt.
Primärliteratur :
Agnant, Marie Célie: La dot de Sara, Montréal: Editions du remue-ménage, 2002 (1995).
Bachi, Salim: Chien d'Ulysse, Paris: Gallimard, 2001.
Baudelaire, Charles: « Le Peintre de la vie moderne », in: Baudelaire: uvres complètes, hg. von Claude Pichois, Bd. 2. Paris: Gallimard, 1976, S. 683-724.
Benjamin, Walter: -Paris, Capitale du XIXe siècle-, in: Das Passagenwerk. Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Bd. V.1, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2015 (1991), S. 60-77.
Benjamin, Walter: -Der Flaneur-, in: Das Passagenwerk. Gesammelte Schriften, hg. von Rolf Tiedemann, Bd. V.1, Frankfurt/Main: Suhrkamp, 2015 (1991), S. 524-569.
Diome, Fatou: Le Ventre de l'Atlantique, Paris: Carrière, 2003.
Grand Corps Malade: -Saint Denis-, in: Midi 20, 2006.
---: - Je viens de là-, in: Enfant de la ville, 2008.
Géabé: -Ma France-, in: Prod Dakeyz Nation, 2015.
Saian Supa Crew: -Zonarisk-, in: Hold Up, 2005.
Sekundärliteratur :
Begag, Azouz: Bouger la banlieue, Bordeaux: Elytis, 2012.
Hörner, Fernand (Hg.): Die Stimme im HipHop: Untersuchungen eines intermedialen Phänomens, Bielefeld: transcript, 2009.
Lüsebrink, Hans-Jürgen/Sylvère Mbondobari (Hg.): Villes coloniales - métropoles postcoloniales, Tübingen: Narr, 2015.
Mahler, Andreas: -Stadttexte Textstädte. Formen und Funktionen diskursiver Stadtkonstitution-, in: ders. (Hg.): Stadtbilder, Heidelberg: Winter, 1999, S. 11-36.
Stemmler, Susanne: Soundtrack des Aufstands in Frankreichs Vorstädten, in: Helms, Dietrich/Thomas Phleps (Hg.): Sound and the City: Populäre Musik im urbanen Kontext, Bielefeld: transcript, 2007, S. 97-112.
Romanisches Seminar
Im Seminar lesen wir ausschließlich die französischen Originaltexte. Dies erfordert solide Kenntnisse der französischen Sprache.
Für 2/3 KP (Studienleistung): Referat, Synopse, Moderation.
Für 3/5/7 KP (Prüfungsleistung): zusätzlich eine Hausarbeit von 12-15 Seiten.
Universität Siegen
WiSe 2016/17
Dr.
Schuchardt Beatrice