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Uni-Siegen
14. März 2017

Theaterkritik

Glaubt man Dirk Pilz, Mitbegründer und Redakteur von nachtkritik.de, scheint sich aufgrund des neuen Mediums Internet hinsichtlich Theaterkritik eine Wandlung zu vollziehen: [] Kritik im Netz [rechnet] mit Gegenmeinungen, Hinzufügungen und Zurückweisungen seitens der Leser. Das ist anstrengend, aber gewollt....

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Glaubt man Dirk Pilz, Mitbegründer und Redakteur von nachtkritik.de, scheint sich aufgrund des neuen Mediums Internet hinsichtlich Theaterkritik eine Wandlung zu vollziehen: [] Kritik im Netz [rechnet] mit Gegenmeinungen, Hinzufügungen und Zurückweisungen seitens der Leser. Das ist anstrengend, aber gewollt. Denn solche Kritik nimmt Abschied von den aristokratischen Richterstühlen der Urteilsverkündung; sie hat den Glauben an den Kritiker als Zeugnisverteiler verloren, rechnet entsprechend mit der eigenen Irrtumsanfälligkeit, will das Publikum nicht nur wahr-, sondern auch ernst nehmen. Die Frage, wer öffentlich über Theater sprechen darf, hält sie nicht für abschließend beantwortet. Solche Kritik macht sich die Einsicht zu eigen, dass es keinen in Stein gemeißelten Kriterienkatalog gibt, an dem sich ablesen ließe, was und wo Qualität ist [] (Pilz 2013: 118) Bemerkenswert an dieser Äußerung ist nicht nur die Kritik an der Kritik, die sich als aristokratische[r] Richterst[u]hl[en] der Urteilsverkündigung auf der Basis eines scheinbar in Stein gemeißelten Kriterienkatalog[s] versteht, bemerkenswert ist auch, dass es um das grundsätzliche Paradigma geht, wer denn über Theater sprechen darf und damit die Diskurshoheit professioneller Theaterkritik infrage gestellt wird. Im Grunde genommen ist so einfach zu Ende gedacht und in einem passenden Medium manifest geworden, was seit längerem zum Wissensbestand theatertheoretischer Auffassungen vom Zuschauer gehört. Der Zuschauer (im Übrigen nicht nur) im Theater sei mitnichten passiv, sondern es könne aus theatertheoretischer Sicht [] als erwiesen gelten, daß die Schauspieler keine re-produzierenden Künstler und die Zuschauer keine passiven und trägen Konsumenten sind. Beide sind vielmehr auf je eigene Weise an der Komposition einer Aufführung beteiligt: die Theatermacher mit verbalen und nonverbalen Mitteln; und die Zuschauer: hörend, schauend, ihre Wahrnehmung strukturierend, verstehend, urteilend und last not least genießend (Lazarowicz; Balme 2012, S. 458). Im Seminar soll Gelegenheit gegeben werden, dieser Problematik nachzuspüren: in der theoretischen Auseinandersetzung mit dem, was Kritik ist und will und kann und wie sie sein soll(te), und in der Untersuchung gegenwärtiger Praxis der Theaterkritik, professioneller wie (oben angesprochener) nicht-professioneller. Lazarowicz, Klaus / Balme, Christopher (Hrsg.): Texte zur Theorie des Theaters. Stuttgart: Philipp Reclam jun. 2012. Pilz, Dirk: Wer darf sprechen? Mit der digitalen Welt wird nicht alles anders in der Theaterkritik aber manches neu verhandelt. In: Berliner Festspiele (Hrsg.): Fünfzig Theatertreffen 1964-2013. Berlin: Theater der Zeit, 2013. S. 118. Schalkowski, Edmund: Rezension und Kritik. Konstanz: UVK, 2005. Germanistik - Theaterpädagogik Universität Siegen WiSe 2016/17 Univ.-Prof. Dr. Barz André