Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Transhumanismus und Human Enhancement Technologies Soziologische Perspektiven im Spannungsfeld von Technik Science Fiction Gender Studies und Anthropologie
Glaubt man den Ankündigungen von Google, wird im April die erste Version der -google glass- käuflich zu erwerben sein. Die bisherigen Diskussionen um diese sog. -Google Brille- haben bereits gezeigt, dass dieses neuartige technologische Objekt zahlreiche politische, ethische, technische und...
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Jetzt Lernplan erstellenGlaubt man den Ankündigungen von Google, wird im April die erste Version der -google glass- käuflich zu erwerben sein. Die bisherigen Diskussionen um diese sog. -Google Brille- haben bereits gezeigt, dass dieses neuartige technologische Objekt zahlreiche politische, ethische, technische und nicht zuletzt datenrechtliche Debatten nach sich ziehen wird. Sie bestärken aber auch die Vermutung, dass hierin möglicherweise eine neuartige Stufe der -Technikevolution- anzufinden ist, die auf eine viel intimere Weise Körper und Technik miteinander verknüpft und in der Technik mit einer bisher ungekannten Intensität in den menschlichen Wahrnehmungsapparat eingreift.
Dieses aktuelle Phänomen als Ausgangspunkt nehmend, kreist das Seminar um solche technischen Entwicklungen, die auch in den Sozial- und Geisteswissenschaften bereits vielfach zu einer Kritik der klassischen Konzeption des Verhältnisses von Mensch, Technik und Gesellschaft geführt haben. Denn die stetig wachsenden Möglichkeiten des Eingriffs in den menschlichen Körper, die sog. -Human Enhancement Technologies- – von leistungssteigernden Mitteln wie Doping und Ritalin über kosmetische Chirurgie und Prothesen bis zu Präimplantations- und Reproduktionstechnologien –, lassen die vermeintlich klare Trennung zwischen Körper und Technik ebenso fragwürdig erscheinen wie unser eingespieltes Körper- und Menschenbild, das auf der grundsätzlichen Trennung von Kultur und Natur basiert.
Vor diesem Hintergrund soll es im Seminar um eine prinzipielle Diskussion dieser aktuellen Entwicklung gehen, wobei das Hauptaugenmerk einerseits auf der grundsätzlichen soziologischen Deutung dieser Phänomene und andererseits auf den Konsequenzen für die soziologische Begriffsbildung und Forschung liegen wird. Das Seminar ist dabei explizit als -experimentelles Seminar- angelegt; d.h.: es wird weniger um eine Einführung in einen bestimmten, fest anerkannten Forschungsbereich der Soziologie gehen, im Zentrum steht vielmehr der gemeinsame Versuch einer soziologischen Öffnung und Kartographie dieses Themenbereiches. Anstatt also nach bereits bestehenden Antworten zu suchen, wird es im Wesentlichen darum gehen, überhaupt erstmal zu fragen, was soziologisch zu diesem Thema überhaupt für Fragen zentral sind, wie also eine soziologische Perspektive (im Unterschied zu einer politisch-ethischen, moralischen oder technologischen) in diesem Bereich im Einzelnen aussehen könnte.
Inhaltlich werden wir uns zunächst grundlegender Überlegungen zum Verhältnis von Mensch und Technik zuwenden, wobei neben dem Cyborg-Manifest von Donna Haraway vor allem die neueren Texte Bruno Latours zum Anthropozän im Zentrum stehen. Da das Seminar einen experimentellen und kollaborativen Charakter hat, soll der genaue Seminarablauf erst gemeinsam in den ersten Stunden erarbeitet werden. Verschiedene thematische und inhaltliche Ideen werden von mir hierzu in der ersten Sitzung präsentiert; vorstellbar sind etwa die genauere Auseinandersetzung mit exemplarischen technischen Entwicklungen und -Erfindungen- (etwa RFID-Chips), die Beschäftigung mit dem utopischen (und/oder dystopischen) Gehalt solcher Technologien – auch in der entsprechenden Science-Fiction-Literatur (etwa bei Stanislaw Lem) oder im Film (etwa Cyber-Punk/ Ghost in the Shell/ Blade Runner etc.) oder auch die historisch-soziologische Auseinandersetzung mit ähnlich weitgreifenden technischen Entwicklungen. Da das Seminar darauf zielt, überhaupt erst nach einer möglichen soziologischen Erforschung dieses Themas zu fragen, soll es explizit nicht (primär) um ethisch-politische Fragen gehen; im Zentrum steht stattdessen der Versuch, überhaupt erstmal konzeptionell zu verstehen, was es gesellschaftlich mit solchen Entwicklungen auf sich hat und welche gesamtgesellschaftliche und zeitdiagnostische Bedeutung ihnen zukommt.
Vorschläge und Ideen für Texte, Themen und anderes sind erwünscht und können gerne auch schon vorab per Mail an mich geschickt werden!
FB 05 Gesellschaftswissenschaften
Uni Kassel
SoSe 2014
Soziologie
Dr.
Gertenbach Lars