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Uni-Hannover
14. März 2017

Tyrannen

Das kulturelle Konstrukt der ‚Tyrannis‘ lässt sich von der Antike bis ins 21. Jahrhundert nachverfolgen. Der ‚Tyrann‘, der eine auf Gewalt gegründete, willkürlich-despotische Herrschaft ausübt, und die nach ihm benannte Staatsform, die ‚Tyrannis‘, können als Konzepte betrachtet werden, die maßgeblich...

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Das kulturelle Konstrukt der ‚Tyrannis‘ lässt sich von der Antike bis ins 21. Jahrhundert nachverfolgen. Der ‚Tyrann‘, der eine auf Gewalt gegründete, willkürlich-despotische Herrschaft ausübt, und die nach ihm benannte Staatsform, die ‚Tyrannis‘, können als Konzepte betrachtet werden, die maßgeblich durch ihre selbstbezügliche und nachträgliche Ästhetisierung geprägt werden. ‚Tyrannen‘ werden von der Nachwelt mit inszeniert, wobei geschichtliche Fakten in hohem Maße mit fiktionalem Charakter überformt werden. Eine politische Funktion solcher Ästhetisierungen kann es sein, mittels der Negativfolie des ‚Tyrannen‘ alternativ-fortschrittliche Herrschaftsformen, wie beispielsweise die Republik, zu legitimieren. Die Figur des ‚Tyrannen‘ selbst kann als meist männlich realisiertes performatives und kulturelles Konstrukt aufgefasst werden. Der ‚Tyrann‘ bewegt sich in einem ästhetischen Raum, in dem er beständig zwischen (eigener und fremder) Furcht und Gewalt oszilliert. Außerhalb seines ästhetischen Raums ist der ‚Tyrann‘ – beständig vom ‚Tyrannenmord‘ bedroht – im Gegensatz zum ‚gerechten Herrscher‘ oder gewähltem ‚Volksvertreter‘ nicht mehr existenzfähig. Das Seminar nähert sich dem Konstrukt des ‚Tyrannen‘, indem Erzählungen, wie die von Phalaris von Akragas (570–555 v. Chr), der nach der Legende seinen besten Künstler in einem bronzenen Stier verbrannte, ebenso in den Blick genommen werden, wie Darstellungen aus der bildenden Kunst, wie z.B. Lawrence Alma-Tademas Gemälde The Roses of Heliogabalus (1888). Im Mittelpunkt der Seminardiskussion stehen Texte: von William Shakespeares Richard III (1579) über den Prinzen Gonzaga in Gotthold Ephraim Lessings Emilia Galotti (1772), die ‚tyrannischen‘ Figuren des Marquis de Sade, Stefan Georges Algabal (1892), Franz Kafkas Brief an den Vater (1919) und Albert Camus’ Caligula (1944). Begleitend werden Auszüge aus staatstheoretischen Schriften, wie Niccolò Machiavellis Der Fürst (um 1513) und Thomas Hobbes’ Leviathan (1651) herangezogen und mit kritischen Analysen, wie Hannah Arendts Macht und Gewalt (1970) in Bezug gesetzt. Das kulturelle Konstrukt des ‚Tyrannen‘ soll dabei im Seminar bis in die Gegenwart nachgezeichnet werden; es spiegelt sich ebenso im fiktionalen ‚Haustyrann‘ Ekel Alfred wie in den Selbstinszenierungen der gestürzten Despoten des arabischen Frühlings, wie Muammar al-Gaddafi oder im nordkoreanischen Diktator Kim Jong Un wider. Die Primärliteratur wird elektronisch mittels Stud-IP zur Verfügung gestellt und ein Semesterapparat wird eingerichtet. Hofer, Marc: Tyrannen, Aristokraten, Demokraten: Untersuchungen zu Staat und Herrschaft im griechischen Sizilien von Phalaris bis zum Aufstieg von Dionysios I. Bern: Lang 2000. Mandt, Hella: Tyrannis, Despotie. In: Geschichtliche Grundbegriffe. Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze und Reinhart Koselleck. Bd. 6. St-Vert. Stuttgart: Klett-Cotta 1990. Mennigen, Peter: Die großen Tyrannen der Weltgeschichte. Paderborn: Voltmedia 2005. Saracino, Stefano: Tyrannis und Tyrannenmord bei Machiavelli: Zur Genese einer antitraditionellen Auffassung politischer Gewalt, politischer Ordnung und Herrschaftsmoral. München: Fink 2012. Zimmermann, Martin (Hrsg.): Extreme Formen der Gewalt in Bild und Text des Altertums. München: Utz 2009 (= Münchner Studien zur Alten Welt 5). Neuere Deutsche Literaturwissenschaft, MA Teilnehmerzahl: 30. Universität Hannover SoSe 2016 Deutsch, Bachelor Tech. Edu. Dr. Nitschmann Till