Ursprung und Entfaltung universitären Daseins eine philosophische Geschichte
1885 begründete Heinrich Denifle mit dem bis heute herausragenden Werk Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400 die allgemeine Universitätsgeschichte. Eines der zentralen und inzwischen zur Selbstverständlichkeit gewordenen Resultate dieser hoch erfolgreichen historischen Teildisziplin besteht in der Einsicht, dass...
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Jetzt Lernplan erstellen1885 begründete Heinrich Denifle mit dem bis heute herausragenden Werk Die Entstehung der Universitäten des Mittelalters bis 1400 die allgemeine Universitätsgeschichte. Eines der zentralen und inzwischen zur Selbstverständlichkeit gewordenen Resultate dieser hoch erfolgreichen historischen Teildisziplin besteht in der Einsicht, dass die Universität eine Errungenschaft des Hochmittelalters ist. Dass es indes in Antike und Frühmittelalter keine entsprechenden Institutionen gegeben hat, wird gemeinhin darüber erklärt, dass Universitäten Merkmale aufzuweisen haben, deren Aufkommen gerade ein Abgrenzungsmerkmal zwischen Früh- und Hochmittelalter ist. Das Problem wird also definitorisch gelöst. Wer jedoch wissen möchte, warum es diese Institution überhaupt gibt, welche der ihr zugeschriebenen Merkmale im gehaltvollen Sinne identitätsstiftend sind oder weshalb sie erst Inmitten der Wissenschaftsgeschichte aufkommt, wird sich mit dieser Erklärung nicht zufrieden geben. Immerhin gab es bereits eine mehr als eineinhalbtausendjährige Erfolgsgeschichte von Wissenschaft und höheren Bildungseinrichtungen, bevor die mittelalterliche Universität aus der Taufe gehoben wurde. Unter Verwendung philosophischer Analysemittel wird in dieser Vorlesung ausgehend von der Bestimmung eines apriorischen Universitätsbegriffs eine philosophische Geschichte erzählt, welche die gut 800jährige Historie dieser Institution als biographisch bedeutsamen Ausschnitt aus der Entfaltung einer kulturgeschichtlich umfassenderen Vernunftidee darzustellen erlaubt. Der Ursprung dieser Vernunftidee findet sich weder in Bologna noch in Paris, sondern im Athen des 4. vorchristlichen Jahrhunderts im Vollzug erster Institutionalisierungsversuche von Wissenschaft. Doch bevor die dort gestiftete Idee ihre prominente hochmittelalterliche Ausprägung erhält, erfährt sie bereits im Frühmittelalter und vor allem im oströmischen Reich eine beeindruckende Entfaltung, die in der allgemeinen Universitätsgeschichtsschreibung nur selten in den Blick gerät. Die nomologische Selbstauslegung der wissenschaftlichen Vernunft ist nicht nur eine Geschichte über die Trias -Sacerdotium-, -Regnum- und -Studium- im Mittelalter oder die Universität im Zeitalter von Reformation, Aufklärung oder Moderne, sondern sie ist im Besonderen eine Geschichte über die zaghaften Keime universitären Daseins in Konstantinopel und anderen kulturellen Zentren im Übergang von der Antike zum Mittelalter. Die Veranstaltung wird davon erzählen. Die Vorlesung richtet sich an Hörer aller Fakultäten, die nicht nach Bologna studieren, sondern sich im traditionellen Verständnis bilden wollen.
Philosophie Universität Duisburg-Essen SoSe 2013 Priv.-Doz. Dr. phil. Wille Matthias