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Uni-Düsseldorf
14. März 2017

Vertiefungsseminar Biotechnologie und Biopolitik Soziologische Analysen

[Stand dieser Ankündigung: 31.3.2016 = v0.4, Änderungen vorbehalten] Die Soziologie hat einen Gegenstandsbereich, der sich mit den sozialen Herausforderungen, Problemen und Chancen einer Gesellschaft verändert und erweitert. Seit einigen Jahrzehnten verdichtet sich der durch technologische Innovationen und rechtliche Normanpassungen ausgelöste...

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[Stand dieser Ankündigung: 31.3.2016 = v0.4, Änderungen vorbehalten] Die Soziologie hat einen Gegenstandsbereich, der sich mit den sozialen Herausforderungen, Problemen und Chancen einer Gesellschaft verändert und erweitert. Seit einigen Jahrzehnten verdichtet sich der durch technologische Innovationen und rechtliche Normanpassungen ausgelöste Wandel der kulturellen Bewertung und Behandlung menschlichen Lebens und menschlicher Körper. Es geht dabei kurz gesagt um die sich verändernden biotechnologischen Grundlagen und die daraus erwachsenden biopolitischen Grundfragen menschlichen Lebens. Technologische Entwicklungen im Bereich der Lebenswissenschaften werfen neue soziale und moralische Fragen auf, neben dem einleitenden Beispiel z.B. Kryokonservierung, Social Freezing, Invitrofertilisation, prädiktive Gentests, Nutzung und Import embryonaler Stammzellen, Enhancement etc. Solche Verfahren werden einerseits als moderne -rote- bzw. medizinische Biotechnologien (auch: Biomedizin) entwickelt und andererseits in ihrer technischen Anwendung und gesellschaftlichen Nutzung als Biopolitik diskutiert. In Deutschland geschieht dies oft kritisch im Anschluss an M. Foucault (2006) als Durchdringung des Biologischen durch Wissens- und Machttechniken (auch: Biomacht/-bio-pouvoir-; vgl. exemplarisch den SZ-Kommentar vom 1.2.2016 und das Forum dort). In den USA hingegen ist mit Biopolitik zunächst einfach die Politik gemeint, die bioethische Dilemmata entscheidet. Egal welches Verständnis man zugrunde legt, -alles, was Biotechniken möglich machen sollen -, vom genveränderten Medikament bis zum erbgutverbesserten Embryo, - ist eng verflochten mit der Gesundheits- und Sozialpolitik des Wohlfahrtsstaates- (Gehring 2006: 8). Und politische und gesellschaftliche Debatten darüber entfalten sich in der Regel als ethische Kontroversen. Im Vertiefungsseminar werden wir sowohl theoretische Texte als auch empirische Untersuchungen zu Biopolitik und Biotechnologie aus soziologischer Sicht behandeln, die unterschiedliche Grenzfragen des Lebens thematisieren, z.B. assistierte Reproduktion, Stammzellforschung und Veränderungen im Umgang mit Organen und Gewebe. Hierbei sind verschiedene Perspektiven bedeutsam: soziale Rollen und Identitäten, ökonomische Ressourcenverteilungsfragen ebenso wie politische bzw. rechtliche Regulierungen in modernen Demokratien. Biotechnologie und Biopolitik sind wegen ihrer sozialen Relevanz soziologische Gegenstandsbereiche, bei denen uns kritische Gesellschaftstheorie und empirische Sozialforschung mit unterschiedlichen Schwerpunkten begegnen werden. Das Seminar ist nicht an einer bestimmten biopolitischen, biomedizinischen oder bioethischen Sichtweise oder einer weltanschaulichen Sicht auf das -Leben- orientiert. Wir werden verschiedene theoretische und methodische Zugangsweisen reflektieren. Die Heranziehung unterschiedlicher Textsorten aus verschiedenen Disziplinen sowie einer Reihe von Akteursperspektiven fördert das Lehr- und Lernziel der selbständigen und standpunktreflexiven soziologischen Analyse, das für eine wertneutrale wissenschaftliche Beschäftigung unerlässlich ist. Anmerkung: Nicht behandelt wird in diesem Seminar die US-amerikanische politikwissenschaftliche Teildisziplin -biopolitics- im Sinne evolutionstheoretischer Forschung -that emphasizes the genetic components of human behavior- (vgl. zur vielfältigen, gut 100jährigen Begriffsgeschichte von -biopolitics- den Eintrag von Th. Lemke in der -Encyclopedia of Political Theory, S. 124-, das Stichwort im - e-Study Guide for The Oxford Handbook of Political Science- sowie Liesen/Walsh 2012). - Das Seminar ist zudem nicht primär auf Michel Foucault und entspechende Ansätze fokussiert. Schließlich werden wir uns nur mit den -roten- medizinischen Biotechnologien, nicht aber mit der -grünen-, z.B. in der Pflanzen- und Agrarforschung vorhandenen, oder der -weißen-, in der Industrieproduktion Einzug einhaltenden Biotechnologie befassen. - Der Fokus liegt auf dem menschlichen Leben und Körper im Spannungsverhältnis von Natur, Kultur und Technologie. Teaser: Am 1.2.2016 meldet die BBC: -UK scientists have been given the go-ahead by the fertility regulator to genetically modify human embryos. It is the first time a country has considered the DNA-altering technique in embryos and approved it. The research will take place at the Francis Crick Institute in London and aims to provide a deeper understanding of the earliest moments of human life. It will be illegal for the scientists to implant the modified embryos into a woman. But the field is attracting controversy over concerns it is opening the door to designer - or GM - babies. [...] The experiments will take place in the first seven days after fertilisation. During this time we go from a fertilised egg to a structure called a blastocyst, containing 200-300 cells. [...] The researchers will alter these genes in donated embryos, which will be destroyed after seven days. The regulator, the Human Fertilisation and Embryology Authority (HFEA), has given its approval and the experiments could start in the next few months- (vgl. auch FAZ--Wissen--Artikel vom 1.2.2016). Gliederung [Sitzungstitel unter Vorbehalt; Stand: 31.3.2016] I Einführung 1. Sitzung / 14.4.2016 Biopolitik und Biotechnologie – zur Einführung in ein aktuelles Themenfeld II Theoretische Perspektiven: Biopolitik, Gouvernementalität und Biomacht 2. Sitzung / 21.4.2016 Biopolitik aus soziologischer Sicht 3. Sitzung / 28.4.2016 Genetische Gouvernementalität 4. Sitzung / 12.5.2016 Biomacht 5. Sitzung / 19.5.2015 Genetische Governance III Medizinische Biotechnologien der Selektion: Präimplantationsdiagnostik und Social Freezing 6. Sitzung / 2.6.2015 Risiko: Biopolitik am Beispiel der Präimplantationsdiagnostik 7. Sitzung / 9.6.2015 Ambivalenz: Einstellungen zur Präimplantationsdiagnostik in Deutschland und Europa 8. Sitzung / 16.6.2015 Wahlfreiheit: Die Debatte um Social Freezing / Kryokonservierung IV Medizinische Biotechnologien der Optimierung: Klonen und Enhancement 9. Sitzung / 23.6.2015 Reproduktive Medizin und reproduktive Genetik 10. Sitzung / 30.6.2013 Ethische Perspektiven zur reproduktiven Genetik und zum Klonen 11. Sitzung / 7.7.2015 Einstellungen zur reproduktiven Genetik und zum Klonen 12. Sitzung / ... Enhancement und Disability Sozialwissenschaftliche Literatur zur Einführung: Buchstein, Hubertus; Beier, Katharina (2004): Biopolitik. In: Göhler, Gerhard, Mathias Iser und Ina Kerner (Hg.): Politische Theorie. 22 umkämpfte Begriffe zur Einführung. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 29-46. Coole, Diana (2014): Biopower/Biopolitics. The Encyclopedia of Political Thought. Published Online: 15 Sep 2014. Esposito, Roberto (2008): Bios: Biopolitics and Philosophy. Minneapolis : University of Minnesota Press . Gehring, Petra (2004): Was ist Biomacht? Vom zweifelhaften Mehrwert des Lebens. Frankfurt am Main: Campus. Geyer, Christian (Hg.) (2001): Biopolitik. Die Positionen. Frankfurt am Main: Suhrkamp (Edition Suhrkamp, 2261). Lemke, Thomas (2007): Biopolitik zur Einführung. Hamburg: Junius-Verlag. Lemke, Thomas (2010): From state biology to the government of life: Historical dimensions and contemporary perspectives of ‘biopolitics'. Journal of Classical Sociology 10: 421 –438. Liesen, Laurette T.; Walsh, Mary Barbara (2012): The competing meanings of -biopolitics” in political science. Biological and postmodern approaches to politics. Politics and the Life Sciences 31(1-2):2-15. Schramme, Thomas (2002): Bioethik. Frankfurt am Main: Campus. van den Daele, Wolfgang (2005): Einleitung: Soziologische Aufklärung zur Biopolitik. In: Wolfgang van den Daele (Hg.): Biopolitik. Leviathan, Sonderheft 23/2005. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, S. 7-41. Wuketits, Frank M. (2006): Bioethik. Eine kritische Einführung. München: C.H. Beck. Literatur der Bundeszentrale für politische Bildung zur Einführung: Aus Politik und Zeitgeschichte (B 23-24/2004): Biopolitik, online verfügbar. Aus Politik und Zeitgeschichte (B 27/2001): Gentechnik - Biopolitik, online verfügbar. Themen und Materialien: Biopolitik im Diskurs - Argumente-Fragen-Perspektiven, online kostenpflichtig bestellbar. Weitere Literatur (exemplarische Titel zur Themenorientierung): Bleiklie, Ivar; Goggin, Malcolm L.; Rothmayr, Christine (Hg.) (2003): Comparative Biomedical Policy: Governing Assisted Reproductive Technologies. London: Routledge. Burri, Regula Valérie; Dumit, Joseph (Hg.) (2007): Biomedicine as culture. Instrumental practices, technoscientific knowledge, and new modes of life. New York, NY: Routledge. Foucault, Michel (2006): Die Geburt der Biopolitik. Geschichte der Gouvernementalität II. Vorlesungen am Collège de France 1978/1979. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Hildt, Elisabeth (2006): Autonomie in der biomedizinischen Ethik. Genetische Diagnostik und selbstbestimmte Lebensgestaltung. Frankfurt (Main): Campus. Hohlfeld, Rainer (1998): Politische Ökonomie und Bio-Medizin. In: Michael Wunder und Therese Neuer-Miebach (Hg.): Bio-Ethik und die Zukunft der Medizin. Bonn: Psychiatrie-Verlag, S. 44-59. Kettner, Matthias (2004): Biomedizin und Menschenwürde. Frankfurt am Main: Suhrkamp. Kollek, Regine; Lemke, Thomas (2008): Der medizinische Blick in die Zukunft. Gesellschaftliche Implikationen prädiktiver Gentests. Frankfurt am Main: Campus. Paslack, Rainer; Stolte, Hilmar (Hg.) (1999): Gene, Klone und Organe - Neue Perspektiven der Biomedizin. Frankfurt a.M.: Peter Lang. Sunder Rajan, Kaushik (2006): Biocapital: The Constitution of Postgenomic Life. Durham and London: Duke Univ. Press. Varone, Frédéric; Rothmayr, Christine; Montpetit, Eric (2006): Regulating biomedicine in Europe and North America. A qualitative comparative analysis. In: European Journal of Political Research 45 (3), S. 317-343. Sturgis, Patrick; Allum, Nick (2006): A Literature Review of Research Conducted on Public Interest, Knowledge and Attitudes to Biomedical Science. The Wellcome Trust. Williams, Clare; Ehrich, Kathryn; Farsides, Bobbie; Scott, Rosamund (2007): Facilitating choice, framing choice: Staff views on widening the scope of preimplantation genetic diagnosis in the UK. In: Social Science & Medicine 65 (6), S. 1094–1105. BBC-Beiträge zur britischen -Gene editing--Debatte: Scientists get 'gene editing' go-ahead, 1 Feb 2016: http://www.bbc.com/news/health-35459054 Gene editing: Is era of designer humans getting closer?, 3 Dec 2015: http://www.bbc.com/news/health-34994180 The promise of gene editing, 1 Dec 2015: http://www.bbc.com/news/health-34972920 Dawn of gene-editing medicine?, 6 Nov 2015: http://www.bbc.com/news/health-34744851 Embryo engineering a moral duty, says top scientist, 13 May 2015: http://www.bbc.com/news/uk-politics-32633510 'Designer babies' debate should start, scientists say, 19 Jan 2015: http://www.bbc.com/news/health-35459054 Der naturwissenschaftliche Hintergrund zum Gene-Editing: Charpentier, Emmanuelle; Doudna, Jennifer A. (2015): The new frontier of genome engineering with CRISPR-Cas9. Science 28 (Nov 2014): Vol. 346, Issue 6213, pp. 1077ff. Bitte beachten Sie: ein nicht unerheblicher Teil der Seminarliteratur wird nur in englischer Sprache vorliegen. Bemerkung ACHTUNG - interne Deadline! Der Anmeldezeitraum läuft vom 01.03.2016 bis zum 27.03.2016, 23.59 Uhr (MEZ). Ab dem 28.03.2016 bis zum 15.04.2016 erfolgt die finale Zulassung durch die Dozenten! Leistungsnachweis Anforderungen - für einen Beteiligungsnachweis (BN) nur im Modul Bereiche & Prozesse sind erstens die kontinuierliche Vor- und Nachbereitung sowie aktive Mitarbeit und zweitens vier schriftliche Hausaufgaben à 2,5 - 3 Seiten, die zur jeweiligen Sitzung abzugeben sind. - für die Abschlussprüfung (AP) im Modul Bereiche & Prozesse (Abweichungen nur auf Antrag direkt zu Semesterbeginn beim Dozenten) ist eine soziologische Hausarbeit (12-15 S.) einzureichen, die aus einem Sitzungsthema bzw. zum Seminar passenden Thema in Absprache rechtzeitig entwickelt wird. Voraussetzung ist daher ein Sprechstundenbesuch bis zum 14.6.2015 (selbständige Eintragung unter: http://doodle.com/poll/8agrv3q5meudr439) sowie die Vorlage eines Kurzexposés im Umfang von einer Seite möglichst bis zum 24.6.2015, spätestens jedoch bis zum 5.7.2016 mit Dozentenfeedback binnen 10 Tagen. Die Anmeldung zur AP muss bis zum 17.6.2016 erfolgen. Ausgabetermin ist der 17.7.2016. Die Abgabe der Hausarbeit muss spätestens bis zum 19.9.2016 erfolgen (elektronisch + Abgabe einer Druckfassung). Bei Wahl einer mündlichen Prüfung als AP müssen sechs Hausaufgaben eingereicht werden. Der Termin der mündlichen Prüfung wird nach Vereinbarung zwischen dem 18.7. und 16.9. liegen. Erläuterung: Die Bearbeitung von Hausaufgaben, die Text- und Transferfragen zu den behandelten Texten beinhalten, hat sich in vergangenen Seminaren als besonders nützlich für eine breite und kenntnisreiche Beteiligung erwiesen, die problemzentrierte Diskussionen befördert. Soziologie (BA, PO 2013) Ergänzungsfach Anforderungen - für einen Beteiligungsnachweis (BN) nur im Modul Bereiche & Prozesse sind erstens die kontinuierliche Vor- und Nachbereitung sowie aktive Mitarbeit und zweitens vier schriftliche Hausaufgaben à 2,5 - 3 Seiten, die zur jeweiligen Sitzung abzugeben sind. - für die Abschlussprüfung (AP) im Modul Bereiche & Prozesse (Abweichungen nur auf Antrag direkt zu Semesterbeginn beim Dozenten) ist eine soziologische Hausarbeit (12-15 S.) einzureichen, die aus einem Sitzungsthema bzw. zum Seminar passenden Thema in Absprache rechtzeitig entwickelt wird. Voraussetzung ist daher ein Sprechstundenbesuch bis zum 14.6.2015 (selbständige Eintragung unter: http://doodle.com/poll/8agrv3q5meudr439) sowie die Vorlage eines Kurzexposés im Umfang von einer Seite möglichst bis zum 24.6.2015, spätestens jedoch bis zum 5.7.2016 mit Dozentenfeedback binnen 10 Tagen. Die Anmeldung zur AP muss bis zum 17.6.2016 erfolgen. Ausgabetermin ist der 17.7.2016. Die Abgabe der Hausarbeit muss spätestens bis zum 19.9.2016 erfolgen (elektronisch + Abgabe einer Druckfassung). Bei Wahl einer mündlichen Prüfung als AP müssen sechs Hausaufgaben eingereicht werden. Der Termin der mündlichen Prüfung wird nach Vereinbarung zwischen dem 18.7. und 16.9. liegen. Erläuterung: Die Bearbeitung von Hausaufgaben, die Text- und Transferfragen zu den behandelten Texten beinhalten, hat sich in vergangenen Seminaren als besonders nützlich für eine breite und kenntnisreiche Beteiligung erwiesen, die problemzentrierte Diskussionen befördert. Universität Düsseldorf SoSe 2016 Dr. Beckers Tilo