Zurück zum Vorlesungsverzeichnis
Uni-Düsseldorf
14. März 2017

Vertiefungsseminar Multimediale Sound Spaziergänge Forschungsmethoden II Praxis

Der französische Historiker und Geschichtstheoretiker Pierre Nora nennt Orte, an die Erinnerungen geknüpft werden -lieux de mémoires-, also Erinnerungsorte. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe an bestimmten Orten kristallisiert und als historisch-sozialer Bezugspunkt...

Erstelle deinen persönlichen Lernplan

Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.

Jetzt Lernplan erstellen
Der französische Historiker und Geschichtstheoretiker Pierre Nora nennt Orte, an die Erinnerungen geknüpft werden -lieux de mémoires-, also Erinnerungsorte. Damit verbunden ist die Vorstellung, dass sich das kollektive Gedächtnis einer sozialen Gruppe an bestimmten Orten kristallisiert und als historisch-sozialer Bezugspunkt prägend für die jeweilige Erinnerungskultur ist. In jüngster Zeit ist zu bemerken, dass sich solche Erinnerungsorte immer häufiger innerhalb der Popkultur und für die Popkultur bilden. Auch in und für Düsseldorf wurden schon einige Schritte unternommen, um die Relevanz dieser Stadt als wichtigen Standort für Popmusik und Popkultur zu veranschaulichen. In diesem Seminar sollen Studierende die praktische Erforschung popmusikalischer Erinnerungskultur mit genuiner akustischer Methodenlehre zu verbinden lernen. So sollen Theorien und Methoden erarbeitet und exemplarisch an der Mikrostruktur der lokalen Pophistorie angewandt werden. Ziel des Projektes ist es, dieses pophistorische Erbe Düsseldorfs aus medien- und kulturwissenschaftlicher Perspektive aufzuarbeiten, indem Studierende Interviews mit den Protagonisten führen und sie auswerten lernen. Sie erstellen so, mit den Methoden der Akustikwissenschaft, am Beispiel der Popkultur eine eigene selbstständige Forschungsarbeit. Für diese Forschung eignet sich Popkultur besonders, denn Popgeschichtsschreibung ist vor allem dadurch geprägt, dass durch mündliche Erzählungen über die Orte ihres Entstehens berichtet wird. Oral History ist so in Popkultur selbst angelegt. In Düsseldorf lassen sich einige dieser Orte ausmachen: So steht beispielsweise der Club -Creamcheese- in der Düsseldorfer Altstadt für die Experimente zwischen Musik und Kunst in den 60er Jahren, In den 70er Jahren schafften die Synthesizer-Pioniere -Kraftwerk- in ihrem privaten -Kling-Klang--Aufnahmestudio, während das Künstlerpaar Carmen und Imi Knoebel in unmittelbarer Nähe zur Düsseldorfer Kunstakademie den legendären -Ratinger Hof-, den häufig beschworenen Geburtsort des deutschen Punks, eröffneten. Diese musikalischen Avantgarden entwickelte sich in den 80er Jahren mit Bands wie -Fehlfarben-, -Die Krupps-, -DAF- oder -Der Plan- zu einer Vielfalt musikalisch-künstlerischer Richtungen von Jazz, New Wa­ve, Rock, elektronischer Musik sowie der -Neuen Deutschen Welle- und Punk. Als lokaler Schauplatz dieser Subkulturen kann u.a. die Kiefernstraße genannt werden. Gegenwärtig etablieren sich am Worringer Platz die -Homeboy-Studios- als zentrale Produktionsstätte der deutschen Hiphop-Kultur mit Künstlern, wie Kollegah u.a. Das Besondere an diesem Projekt ist nun, dass Studierende nicht ausschließlich Transkriptionen für die Aufarbeitung der Popgeschichte nutzen, sondern zugleich ihr erarbeitetes Wissen zu vermitteln lernen. Einerseits werden hierfür Texte zur Aufarbeitung der Pophistorie Düsseldorfs gelesen und besprochen, außerdem wird auch für die selbstständige Forschungsarbeit in die Arbeit mit Medien- und Produktionsarchiven eingeführt. Auf der Basis dieser ersten Forschungen werden Zeitzeugeninterviews geführt und aufgenommen, so genannte Soundscapes gesammelt und eigene Exzerpte und Abstracts abgefasst, die später in Form eines eigenständigen Forschungstext als Audio Guides neu zusammengestellt und mit den Tonaufnahmen einen eigenständigen Podcast verbunden werden. Mit anderen Worten wird nicht nur eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Studierenden der Popgeschichte Düsseldorfs angestrebt, sondern zugleich der Umgang verschiedener wissenschaftlicher und journalistischer Textgattungen erprobt. Durch studentisch erstellte Audio Guides werden Stimmen der Akteure erneut hörbar, und somit multimedial erfahrbar sein. Das Konzept der Audio Guides sieht vor, für die Popgeschichte Düsseldorfs bedeutsame Orte auf einer Online-Karte zu markieren und zu diesen Stationen auditive Informationen zu erstellen, die zum Download angeboten werden. Auf diese Weise entstehen, nach thematischen, topographischen und dramaturgischen Gesichtspunkten variierende, auditiv begleitete Entdeckungstouren durch die Pop-Stadt Düsseldorf. Die Studierenden erhalten so ein konkretes Forschungsgebiet, auf das sie die allgemeinen Popkulturtheorien applizieren können. Ziel ist es, sie dabei in medien- und kulturwissenschaftlichen Forschungsmethoden sowie in medienpraktischen Arbeiten mit akustischem Material zu schulen. Durch das konkrete Ergebnis – den Audio Guide zum Sound Düsseldorfs – erschaffen sie zudem ein fassbares und nachhaltiges Produkt, das auch jenseits der Universität Verwendung finden kann. Dieser Teil des Forschungsseminars arbeitet praktisch. Die Teilnahme an das Forschungsmethoden-Seminar von Kathrin Dreckmann empfiehlt sich, ist jedoch nicht verpflichtend. Institut für Medien- und Kulturwissenschaft Universität Düsseldorf WiSe 2015/16 Brautschek Tomy