Uni-München
14. März 2017Vorlesung Bürgerkrieg Lucan Vergil Augustinus Kleist Flaubert Hugo
Bürgerkrieg – Für eine Stasiologie Die Vorlesung untersucht das Motiv des Bürgerkrieges an einigen zentralen Texten. Dabei steht nicht das historische Ereignis der römischen Bürgerkriege, die die Republik beendeten und ins Kaiserreich einmündeten, im Vordergrund. Vielmehr soll eine Tropologie des...
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Jetzt Lernplan erstellenBürgerkrieg – Für eine Stasiologie
Die Vorlesung untersucht das Motiv des Bürgerkrieges an einigen zentralen Texten. Dabei steht nicht das historische Ereignis der römischen Bürgerkriege, die die Republik beendeten und ins Kaiserreich einmündeten, im Vordergrund. Vielmehr soll eine Tropologie des Bürgerkrieges herausgearbeitet werden. Diese Tropologie erzählt den Bürgerkrieg in den Metaphern von Selbstmord, Inzest, Vergewaltigung, Bruder-, Vater- und Muttermord. Das römische Konzept des -Bürgerkrieges-, bellum civile, der eine tabuisierte Gewalt in der Familie zwischen den Geschlechtern und den Generationen in die juristisch-politische Kategorie von männlichem -Bürger- und -Krieg- überführt, wird von der Tropologie des Bürgerkrieges unterlaufen. Das politisch-historische Konzept verdeckt, was die Literatur in ihren Tropen aufdeckt: die tabuisierte, alle Grenzen überschreitende Gewalt gegen das Eigene, die Spaltung im Eigenen. Die Figur dieser Verdeckung ist neben dem römischen Konzept -Bürgerkrieg- die Konstituierung des verworfenen Anderen. Weil der Krieg im Eigenen und gegen das eigene unerträglich ist, führt er zur Konstitution des Ganz Anderen: eines so weibischen wie tyrannischen Orients.
Diese Tropologie wird von Vergil in den Georgica und der Aeneis nach dem historischen Ereignis der Bürgerkriege entwickelt und findet in Lucan in der erhitzten Rhetorik der Imperiums unter Nero ihren ersten Höhepunkt. Bereits bei Vergil sind Brudermord und Vergewaltigung für Rom grundlegend. Augustinus universalisiert diese Tropologie und macht den Bürgerkrieg, jetzt verstanden als Zerreißen aller Bande – der zwischen Göttern und Menschen, der zwischen den Menschen, den Geschlechtern, den Generationen, der noch das Ich gegen sich selbst aufbringt - , zur unhintergehbaren Grundlage aller irdischen Politik. Die translatio romae entpuppt sich als translatio babylonis.
Die Erzählung der Geschichte in der Literatur des 19., 20., und 21. Jahrhundert wird grundiert vom basso continuo dieser translatio romae; sie begründet die romanitas der westlichen Literatur. Dies soll an ausgewählten Beispielen - Houllebecq, Simon, Hugo, Flaubert, Kleist - gezeigt werden.
Literatur: Michel Houllebecq, Soumission, Claude Simon, Les Géorgiques, Victor Hugo, Quatrevingt-treize, Gustave Flaubert, Éducation sentimentale, Heinrich von Kleist, Die Herrmannsschlacht, Augustinus, Civitas Dei, Lucan, Bellum civile, Vergil, Georgica, Aeneis.
Die Vorlesung richtet sich an Studenten der Komparatistik, Romanistik, Latinistik.
Department II - Griechische und Lateinische, Romanische, Italienische und Slavische Philologie, Sprachen und Kommunikation
Studierende des BA Nfs ‚Sprache, Literatur, Kultur’ : Diese Veranstaltung entspricht WP 2.0.13/15/17/19 bzw. WP 4.0.13/15/17/19. Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30–60 Min.) schreiben oder eine mündl. Prüfung (15–30 Min.) ablegen oder ein Portfolio fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten.
LMU München
WiSe 1617
Prof.Dr.
Vinken Barbara