Uni-München
14. März 2017Vorlesung Grammatiktheorie und Sprachwandel
Unbestritten ist, dass die natürliche, menschliche Sprache kein statisches, sondern ein zu jeder Zeit dynamisches System ist, welches sich trotz der Dynamik im Gleichgewichtszustand befindet und den Zweck inhaltlicher und sozialer Kommunikation erfüllt. Obwohl Dynamik den Wandel zu jeder Zeit,...
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Jetzt Lernplan erstellenUnbestritten ist, dass die natürliche, menschliche Sprache kein statisches, sondern ein zu jeder Zeit dynamisches System ist, welches sich trotz der Dynamik im Gleichgewichtszustand befindet und den Zweck inhaltlicher und sozialer Kommunikation erfüllt.
Obwohl Dynamik den Wandel zu jeder Zeit, also auch in der Gegenwart beinhaltet, wird die Frage nach dem Verhältnis des synchronen Sprachsystems und des Sprachwandels kontrovers beurteilt.
Eine auf den Strukturalismus zurückgehende und in der modernen generativen Grammatik verfestigte Ansicht ist, dass die Gegenwartsgrammatik vom Sprachwandel zu trennen sei, dass sprachliche Synchronie und Diachronie separate Phänomene seien, und dass somit die sprachliche Diachronie keinen Anteil an der Gegenwartsgrammatik einer Sprache besitze.
Dieser Ansicht hat die historisch-vergleichende Sprachwissenschaft seit den Junggrammatikern widersprochen. Dass sprachliche Archaismen/Anomalien in der Gegenwartsgrammatik nicht Formen einer toten Sprache sind, sondern als integrative Bestandteile der Gegenwartsgrammatik fortbestehen, ist eine empirische Tatsache (Meillets Prinzip).
Zusätzlich hat die moderne von Labov begründete Soziolinguistik die diachrone Variabilität der Gegenwartssprache bestätigt.
Die Variabilität der Gegenwartsgrammatik und die diachrone Gegliedertheit synchroner Sprache ist von der generativen Grammatik nicht bestritten worden, sondern lediglich deren Anteil an der Gegenwartsgrammatik. Die generative Grammatik erkennt nur regelbasierte Formen und regelbasierte Strukturen als grammatisch an. Da nun sprachliche Archaismen/Anomalien meistens nicht regelbasiert sind, sondern in toto als lexikalische Einheiten gespeichert sind, werden diachron verwurzelte Formen und Strukturen von der generativen Grammatik von der Grammatik ausgeschlossen und zum Lexikon gerechnet.
Einwände gegen diese strikte Scheidung von Grammatik und Lexikon wurden wiederum von anderen Grammatiktheorien, z.B. der Konstruktionsgrammatik à la Fillmore oder der usage-based grammar von Bybee erhoben.
Um das Verhältnis sprachlicher Diachronie und Synchronie zu beleuchten, ist es nötig, Sprachwandelphänomene anhand ausgewählter Beispiele zu studieren und sich mit alten und neuen Methoden der historischen Sprachwissenschaft vertraut zu machen. Neben den klassischen Methoden der indogermanistischen Rekonstruktion sollen auch neuere Ansätze zur Sprache kommen, so unter anderem die Analogieforschung (Tendenzen der Analogie), Modelle der Spaltung von Formen und Strukturen, Modelle des Zusammenfalls morphologischer Kategorien (Synkretismusforschung) sowie neue Ansätze zur (morphologischen und syntaktischen) Rekonstruktion, die sich aus der Grammatikalisierungsforschung ergeben.
Neben dem Verhältnis sprachlicher Synchronie und Diachronie zueinander, dem Studium ausgewählter Fälle von Sprachwandel, sollen auch mögliche Prinzipien des Sprachwandels zur Sprache kommen. Sprachwandel bedeutet nie Sprachverfall. Sprachwandel bedeutet nicht immer nur Wegfall formaler Differenzierungen und Vereinfachung, sondern beinhaltet oft auch neue sprachliche Differenzierung. Sprachwandel kann oft auf Ursachen (z.B. lautliche Entwicklung, Kettenentwicklung) zurückgeführt werden, aber manchmal auch mit einem Zweck (dem -telos-) in Verbindung gebracht werden (Kausalität versus Funktionalität). Zur Sprache kommen sollen unter anderem die Thesen Ullrich Wurzels, Rudi Kellers, Jean Aitchisons, Roger Lass‘ und William Labovs.
• Aitchison, Jean 1991. Language Change. Process or Decay. Cambridge.
• Anttila, Raimo 1989. Historical and Comparative Linguistics. 2., revised edition. Amsterdam.
• Hackstein, Olav 2012. Das Gedächtnis der Sprache. Sprachwandel und Gegenwart welche Bedeutung besitzt die sprachliche Vergangenheit für die Gegenwart? In: Akademie Aktuell. Zeitschrift der Bayerischen Akademie der Wissenschaften 01/2012. 12-17.
• Hock, Hans Henrich 1991. Principles of Historical Linguistics. 2nd revised and updated edition. Berlin [u.a.].
• Keller, Rudi 1994.Sprachwandel. Von der unsichtbaren Hand in der Sprache. Zweite, überarbeitete und erweiterte Auflage. Tübingen, Basel.
• Lass, Roger 1980. On Explaining Language Change. Cambridge.
• Paul, Hermann 1995: Prinzipien der Sprachgeschichte. 10., unveränderte Auflage. Tübingen.
• TheHandbookofHistoricalLinguistics,editedbyBrianD.JosephandRichardD.Janda. Carlton. 2006.
• Lehmann, Christian 1995: Thoughts on Grammaticalization. Lincom Studies in Theoretical Linguistics 1. München, Newcastle: Lincom Europa. 2002: Thoughts on Grammaticalization. 2nd, revised edition. July 2002. Erfurt: Arbeitspapiere des Seminars für Sprachwissenschaft der Universität Erfurt Nr. 9. Download über: http://www.christianlehmann.eu/publ/ASSidUE09.pdf, hier Schriftenverzeichnis 2002, Nr. 141.
Leistungsnachweis
MA VIS/CIEL:
Prüfungsformen: Klausur (80 - 120 Min.) oder Hausarbeit (44.000 - 56.000 Zeichen). Die Wahl der Prüfungsform liegt beim Dozenten. 6 ECTS. Bewertung: bestanden/nicht bestanden.
MA Slavistik / Romanistik:
Sie erhalten 6 ECTS-Punkte, wenn Sie eine Klausur (90 min.) schreiben.
bestanden/nicht bestanden.
MA-Profilbereich (WP VIS 1):
Die Vorlesung wird zusamen mit dem Begleitseminar WP VIS 1.2 abgeprüft. Beide Lehrveranstaltungen ergeben zusammen 6 ECTS-Punkte. Bewertung: bestanden/nicht bestanden. Prüfungsformen: Klausur (80 - 120 Min.) oder Hausarbeit (44.000 - 56.000 Zeichen). Die Wahl der Prüfungsform liegt beim Dozenten.
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DateinameBeschreibunggültig vongültig bis
Hackstein 2012 persistence_phenomena.pdf 2. Sitzung am 14.10.2014
Wegener 2011 Hühnerei Hundehütte Notwendigkeit hist. Wissens.pdf 3. Sitzung am 21.10.2014
Lehmann 1985 Synchronic variation diachr change, Lingua e stile 20.pdf 3. Sitzung am 21.10.2014
Labov1989_Child as linguist historian.pdf 4. Sitzung am 28.10.2014
Coseriu_in_Sprachwissenschaft_5_1980_S.125-145.pdf 2. Sitzung am 14.10.2014
Bolinger_Meaning_and_Form_1977.pdf 5. Sitzung am 04.11.2014
Culicover_and_Jackendoff_1999_in_Linguistic_Inquiry_30.4_S.543-571.pdf 8. Sitzung am 25.11.2014
Arnon-Clark-LLD-2011.pdf 6. Sitzung am 11.11.2014
Hackstein 2012 when words_coalesce.pdf 5./6. Sitzung am 04./11.11.2014
Bolinger_in_Forum_Linguisticum_I_1976.pdf 5. Sitzung -- Nachtrag Bolinger 1976
Sobin_Nicholas_Syntactic_Analysis_The_Basic_2011_Kap.1-5.pdf 7./8. Sitzung am 18./25.11.2014
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W3-Professur für Historische und Indogermanische Sprachwissenschaft (Univ. Prof. Dr. Olav Hackstein)
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