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Uni-München
17. Juli 2017

Vorlesung Poetik der Bürokratie

›Bürokratie‹ führt man heute bevorzugt als das im Mund, was man – um der Menschen willen – ›schlank halten‹ oder am liebsten ganz ›abbauen‹ möchte. Bereits kurz nach Prägung des Begriffs im 18. Jahrhundert hat man sie als »überflüssige Schreiberei«...

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›Bürokratie‹ führt man heute bevorzugt als das im Mund, was man – um der Menschen willen – ›schlank halten‹ oder am liebsten ganz ›abbauen‹ möchte. Bereits kurz nach Prägung des Begriffs im 18. Jahrhundert hat man sie als »überflüssige Schreiberei« geschmäht, mit der der Bürger zu einem bloßen »Formular« (Schiller), der Beamte aber zu einer »Schreibmaschine« (Freiherr v. Stein) und überhaupt das öffentliche Leben »aufgesaugt« (von Mohl) werde. In der Optik der klassischen Soziologie ist die Bürokratie ein Motor von Modernisierung und »Rationalisierung« (Max Weber), aus lebensweltlicher Sicht aber der Quell unablässiger Entfremdung und Entmündigung. Die Vorlesung wird versuchen, über diese Komplementärperspektive hinaus zu gehen. Zum einen versteht sie Bürokratien als operational geschlossene Kommunikationsverbünde, die menschliche Belange nur auf der Ebene innerer und äußerer ›Umwelten‹ registrieren. Deshalb sollen besonders medien- und kulturwissenschaftliche Aspekte bürokratischer Organisation aufgerollt werden: etwa die Effizienz oder auch Ineffizienz von Aktenverkehr und Datenverarbeitung; oder die habituell prägende, die disziplinierende oder gar schrankenlos kontrollierende Wirkung der unterschiedlichen Verwaltungsapparate. Zum anderen folgt die Vorlesung Niklas Luhmanns Diktum, Kunst und Literatur seien Beobachtungsmedien, die neben – theoretisch gut erfassbaren – Strukturen auch bloße ›Latenzen‹ sichtbar machen können. Kunst und Literatur vermögen gerade das zu manifestieren, was die Verwaltung nicht verwalten kann, was sie aber rahmt, sie stört oder sich ihr entzieht. Unter diesen Vorzeichen sollen einige Arbeiten der bildenden Kunst, exemplarische Filme und TV-Serien, hauptsächlich aber literarische Auseinandersetzungen mit der Bürokratie im Zentrum stehen. Deren Spektrum reicht vom Genre des Pikaresken, in dem der Kampf gegen die ersten frühneuzeitlichen Bürokratien Europas ausbuchstabiert wird, über die Dorfgeschichten des Vormärz, mit denen gegen die Obrigkeit und für die gemeindliche Selbstverwaltung agitiert wurde; dann von Klassikern wie Melvilles Bartleby, Kafkas und Musils Romanen oder Robert Walsers Erzählungen bis hin zu jüngeren Texten etwa von Albert Drach, Walter E. Richartz oder David Foster Wallace. Insgesamt führt dieser Parcours von den alten Kanzlei-Stuben über moderne Ämter bis zu den optimal gemanagten und kundenorientierten Behörden unserer Tage. An seinem Ende könnte die Einsicht stehen, dass die Verschlankung heutiger Bürokratien mit ihrem kulturellen Ausbau erkauft wurde – dass ihr »stahlhartes Gehäuse« (Max Weber) vielleicht gesprengt wurde, sie seither aber immer weiter in ihre ›Umwelt‹ und unsere ›Lebenswelt‹ eindringen konnten. Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften Grundsätzlich gilt für alle Studiengänge: Wenn es alternative Prüfungsformen gibt, dann liegt die Wahl der Prüfungsart bei dem/der Prüfenden. B.A.-Hauptfach Germanistik, alle modularisierten Lehrämter Deutsch, Deutsch als Zweitfach im B.A. Wirtschaftspädagogik und im B.A. Berufliche Bildung und Masternebenfach Neuere deutsche Literatur (im MA Soziologie): Die Module, die diese Vorlesung beinhalten, schließen mit einer Modulprüfung im Rahmen des jeweiligen Einführungs-, Pro-, Fortgeschrittenen oder Hauptseminars ab. In dieser Vorlesung gibt es keine eigene Prüfung. B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Kernveranstaltung zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.13/15/17/19). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Portfolio (20.000-40.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. oder: Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Kernveranstaltung zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.13/15/17/19). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Portfolio (20.000-40.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Wichtig: Für alle Studiengänge gilt: Rechtsverbindlich ist nur die jeweilige Prüfungs- und Studienordnung in der jeweils aktuell gültigen Fassung. LMU München WiSe 1617 Dozent