Uni-Siegen
14. März 2017Wie das Neue in die Welt kommt Übersetzbarkeit und kulturelle Transformation
Literarische Texte gelten als schwer übersetzbar, wenn nicht gar als unübersetzbar. In ihnen bezieht Sprache sich nicht nur auf die dargestellte Welt, sondern auch auf sich selbst. Sprachliche Bedeutungen lassen sich nicht von den Lauten und Zeichen, über die sie...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenLiterarische Texte gelten als schwer übersetzbar, wenn nicht gar als unübersetzbar. In ihnen bezieht Sprache sich nicht nur auf die dargestellte Welt, sondern auch auf sich selbst. Sprachliche Bedeutungen lassen sich nicht von den Lauten und Zeichen, über die sie vermittelt werden, trennen. Die Übersetzung eines literarischen Textes muss dessen ästhetische Dimension also notgedrungen verändern. Daher steht die Literatur einerseits als Problemfall im Mittelpunkt der zeitgenössischen Debatten darüber, was eine Übersetzung überhaupt ausmache. Andererseits wird im selben Atemzug die literarische Übersetzung oft als Modell angeführt, wenn es um das Miteinander verschiedener Kulturen, ihren Austausch untereinander oder gleich um die innere Vielfältigkeit von Kulturen geht. Ob überhaupt möglich oder nicht: Übersetzen, gerade ein verfehlendes und/oder transformierendes, findet sich hier als eine notwendige Praxis verstanden, welche die Grenzziehungen zwischen dem -Eigenen- und dem -Fremden- infrage stellt, sie verwischt, verwirrt, neue Übergänge ausprobiert, Nischen schafft – oder manchmal an all diesem auch scheitert. Wenn Homi Bhabha in seiner einflussreichen Schrift The Location of Culture (1994) fragt, -wie das Neue in die Welt kommt-, antwortet er schlicht: durch Übersetzen. Indem das Übersetzen ehemals unterschiedene symbolische Praktiken zu -hybriden- Formen verbindet, avanciert es demnach zum Motor kultureller Transformationen.
Im Seminar setzen wir uns in einem ersten Schritt historisch mit der deutschsprachigen Debatte um das Problem der Übersetzung auseinander: Wir lesen die einschlägigen Theoriebeiträge von Martin Luther bis zu Walter Benjamin und testen sie modellhaft an der mit ihnen verbundenen Praxis des Übersetzens aus. In einem zweiten Schritt konfrontieren wir die historischen Konzepte mit Bhabhas These anhand der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur: Yoko Tawadas Essayband Überseezungen (2002) und Emine Sevgi Özdamars Roman Die Brücke vom Goldenen Horn (1998) sind jeweils von Nichtmuttersprachlerinnen verfasst und zwischen kulturellen und sprachlichen Räumen angesiedelt. Es gilt auszuprobieren, inwieweit die Frage nach der Übersetzung sich für die Lektüre und Analyse dieser Texte produktiv machen lässt – oder inwieweit diese Texte einer solchen Perspektive Widerstände entgegensetzen. Zum Abschluss des Seminars erweitern wir die im engeren Sinne literatur- und kulturwissenschaftlichen Debatte um die dringliche aktuelle Frage nach der Tragweite, den Möglichkeiten und den Konsequenzen computergenerierter Übersetzungen, z.B. anhand von GoogleTranslate.
Hintergrundlektüre:
Friedmar Apel/Anette Kopetzki: Literarische Übersetzung. Stuttgart 2003.
Emily Apter: The Translation Zone. A New Comparative Literature. Princeton, NJ 2005.
Seminarlektüre:
Homi Bhabha: Die Verortung der Kultur. Tübingen 2007.
Emine Sevgi Özdamar: Die Brücke vom Goldenen Horn. Köln 2000.
Hans-Joachim Störig (Hrsg.): Das Problem des Übersetzens. Darmstadt 1963.
Yoko Tawada: Überseezungen. Tübingen 2002.
Germanistik - Neuere deutsche Literaturwissenschaft I
Zulassung bei:
- Anmeldung im LSF
- Abfassung eines Essays (für 2KP) nach den ersten vier Sitzungen
- regelmäßiger Teilnahme und Vorbereitung: Bitte probieren Sie zur ersten Sitzung ansatzweise eine eigene Übersetzung aus, und zwar von E.A. Poe, -The Bells- (http://www.fordham.edu/halsall/medny/venturi-poebells.html). Welche Probleme ergeben sich dabei?
Es wird keine Zulassung während der vorlesungsfreien Zeit geben, sondern erst Anfang der Vorlesungszeit nach den genannten Kriterien.
Universität Siegen
WiSe 2011/12
Priv.-Doz. Dr.
Schäfer Martin Jörg Priv Doz