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Uni-München
14. März 2017

Wissenschaftliche Übung Das Igorlied und Literatur und Kultur der Kiever Rus

Der Begriff ‚Kievskaja Rus‘ wurde im 19. Jahrhundert vom russischen Historiker Nikolaj Karamzin als zeitliche Abgrenzung gegenüber der späteren Wladimirer Rus und der Moskauer Rus geprägt. Die mittelalterlichen Quellen nennen das Land ‚Rus‘ oder ‚russisches Land‘ ( ). Während sich...

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Der Begriff ‚Kievskaja Rus‘ wurde im 19. Jahrhundert vom russischen Historiker Nikolaj Karamzin als zeitliche Abgrenzung gegenüber der späteren Wladimirer Rus und der Moskauer Rus geprägt. Die mittelalterlichen Quellen nennen das Land ‚Rus‘ oder ‚russisches Land‘ ( ). Während sich die rjurikidischen Moskauer Großfürsten und Zaren als direkte Nachfahren und die einzig verbliebenen legitimen Erben der Kiewer Fürsten verstanden, und in der russischen Historiographie das Kiewer Reich traditionell als einheitliches ostslawisches (russisches) Reich verstanden wird, gibt es in der ukrainischen Geschichtsschreibung gegenteilige Interpretationen. Von einem einheitlichen Reich jedenfalls kann nicht die Rede sein: -zwar schwer ist es dir, Kopf ohne Schultern, | [aber] böse ist es dir, Leib ohne Kopf!- (Vv. 743-744), heißt es im berühmten Slovo o polku Igoreve, dem -Igorlied-, das damit die fehlende Herrschaft des Vielvölkerstaates der Rus‘ beklagt. Neben der politischen Tragweite einer Interpretation, wie sie vor allem auch den heutigen Konflikt zwischen der Ukraine und Russland berührt, werden wir uns in der Übung anhand von Chroniken, wie etwa der Povest‘ vremennych let (-Nestorchronik-), aber auch anhand von Architektur, Malerei und Alltagskultur mit dem Weltbild der Menschen zur Zeit der Kiever Rus‘ beschäftigen. Die Ambivalenz zwischen dem durch die Taufe am Dnepr 988 christianisierten Land und den damit einhergehenden christlichen Motiven sowie dem weiterhin bestehenden mythisch-magischen Naturglauben, die sich im Phänomen des ‚dvoeverie‘, also des Doppelglaubens ausdrückt, ist wesentlicher Bestandteil der Frage nach einer russischen Identitätsbildung, der in der Übung nachzugehen sein wird. Über das umstrittene -Igorlied-, das das -Motiv des ‚Oboroten‘, also eines Wieder- und Gegenläufers, der in der Lage ist, die menschliche mit der tierischen Gestalt blitzschnell zu vertauschen, vom Sänger oder Fürsten zum Werwolf, der im Geiste durch die Lande fliegt und damit ein urschamanisches Feld auftut, wie wir es aus dem Archetypus der Schamanenflüge kennen- (Hansen-Löve 2015) aufweist, thematisiert die Übung zudem die Grundlage der Gegenwartsliteratur, Fiktions-, Motiv- und Perspektivbildung. Russischkenntnisse sind von Vorteil, aber nicht Voraussetzung für die Teilnahme. • Donnert, Erich: Altrussisches Kulturlexikon. Leipzig 1988. • Donnert, Erich: Das Kiewer Russland. Leipzig 1983. • Gasparov, Boris: Potika «Slova o polku Igoreve», Wiener Slawistischer Almanach, Sonderband 12, Wien 1984. • Hansen-Löve, Aage A.: Das -Igorlied- als Selbstentdeckung der russischen Mythopoetik. In: Neoprimitivismus (im Druck). • Klein, Joachim: Zur Struktur des Igorlieds. München 1972. • Lichaev, Dimitrij S.: Potika drevnerusskoj literatury. München 1967. • Lichaev, Dimitrij S.: Slovo o polku Igoreve i kul'tura ego vremeni. Leningrad 1985. • Lichatschow, Dimitri: Der Mensch in der altrussischen Literatur. Dresden 1975. • Müller, Ludolf (Hrsg.): Handbuch zur Nestorchronik. Fink, München 1977 ff., bisher erschienen: Band I–IV. • Müller, Ludolf: Nestorchronik. In: Johannes Hoops: Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Band 21: Naualia – Østfold. Herausgegeben von Heinrich Beck. 2. völlig neu bearbeitete und stark erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin u. a. 2002, S. 94–100. • Podskalsky, Gerhard: Christentum und theologische Literatur: in der Kiever Rus' (988-1237). München 1982. • Tschiewskij, Dmitrij: Das heilige Rußland. Russische Geistesgeschichte I. 10.-17. Jahrhundert. Reinbek/Hamburg 1959. • Weiher, Erhard: -Die altrussische Literatur der Kiever Zeit-, in: K. v. See (Hg.) 1985. Europäisches Spätmittelalter, (Neues Handbuch der Literaturwissenschaft, Bd. 6), Wiesbaden 1985, S. 426-435. • Zenkovsky, Serge A.: Medieval Russia's Epics, Chronicles, and Tales. Revised and enlarged Edition. Meridian, New York 1974. Leistungsnachweis BA Slavistik: Thesenpapier (ca. 6000 Zeichen) und Protokoll (ca. 4000 Zeichen) mit Benotung Sie erhalten 3 ECTS-Punkte MA Slavistik: Thesenpapier und Hausarbeit ca. 6000 und ca. 30000 Zeichen Benotung Sie erhalten 6 ECTS-Punkte. B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). ODER Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.14/16/18/20). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. Department II - Griechische und Lateinische, Romanische, Italienische und Slavische Philologie, Sprachen und Kommunikation BA Slavistik: Thesenpapier (ca. 6000 Zeichen) und Protokoll (ca. 4000 Zeichen) mit Benotung Sie erhalten 3 ECTS-Punkte MA Slavistik: Thesenpapier und Hausarbeit ca. 6000 und ca. 30000 Zeichen Benotung Sie erhalten 6 ECTS-Punkte. B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). ODER Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.14/16/18/20). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. LMU München SoSe 2015 Dr. Scholz Nora