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Uni-Siegen
14. März 2017

Wortarten im Deutschen

Einführung In der traditionellen Grammatik bildet die Wortartenlehre den -harten Kern- der Sprachanalyse. Sprachwissenschaft hat eigentlich als Klassifizierung der Wörter begonnen. Aber was wird da eigentlich klassifiziert und nach welchen Kriterien? Es gibt bis heute eine ultrastabile -schulische- Wortartenlehre, die...

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Einführung In der traditionellen Grammatik bildet die Wortartenlehre den -harten Kern- der Sprachanalyse. Sprachwissenschaft hat eigentlich als Klassifizierung der Wörter begonnen. Aber was wird da eigentlich klassifiziert und nach welchen Kriterien? Es gibt bis heute eine ultrastabile -schulische- Wortartenlehre, die sich nur in winzigen Details von der antiken unterscheidet, obwohl die auf das Griechische bzw. Lateinische zugeschnitten war, wo manche Klassen ganz anders aussehen (Adjektive) und andere ganz fehlen (Artikel). Von jeher streiten die Grammatiker darüber, was an den -Redeteilen- universal, einzelsprachübergreifend ist und was der strikt einzelsprachlichen Bestimmung bedarf. Und sie streiten darüber, ob die Klassifizierung der Wörter bei den Lexemen, bei den Wortformen (Morphologie) oder bei den syntaktischen Wörtern anzusetzen habe. Und obwohl eine -semantische- Wortartenklassifikation ganz überwiegend abgelehnt wird von den Grammatikern, ist z.B. die Klasse der Zahlwörter/Numeralia ohne Zweifel eine semantisch gebildete. Und wenn auch klar ist, dass Substantive auch alles mögliche andere außer -Gegenständen- bezeichnen, so wird doch keiner ernsthaft abstreiten, dass das prototypische Substantiv eine Gegenstandklasse bezeichnet und das prototypische Verb eine Handlung oder einen Vorgang. Ganz außen vor lassen kann man also die Frage nach der Semantik bei den Wortarten nicht. Sinnvoll ist es auf jeden Fall (wenn man Lexeme klassifiziert!), zwischen lexikalischen und offenen Klassen auf der einen (Substantive, Verben, Adjektive, eventuell Adverbien), grammatischen und geschlossenen Klassen auf der anderen Seite (Artikel, Pronomina, Präpositionen, Konjunktionen, eventuell Partikel) zu unterscheiden. Was dabei übrig bleibt (z.B. Interjektionen, Zahlwörter), entstammt offenbar einer anderen Einteilungslogik. Ausführliche Forschungsartikel zu allen Wortarten des Deutschen enthält Hoffmann (2007). Das Seminar hat einführenden Charakter, es soll die -kanonische- Schulwortartenlehre vorstellen und auch problematisieren. Ziel ist es zu vermitteln, dass es nicht DIE eine und richtige Klassifizierung von Wortarten geben kann, dass es aber sehr wohl klare (und vorab zu bestimmende) Kriterien für die Klassifizierung von Wörtern gibt. Das Seminar soll auch in die selbständige Verwendung von Grammatiken und Nachschlagwerken einüben, einschließlich elektronischer Recherchemöglichkeiten (wie LINSE an der Uni Duisburg-Essen) und großer fachlicher Handbücher (wie Hoffmann 2007). Zitate Die Wörter funktionieren bei der Sprachtätigkeit auf Grund ihrer grammatischen Eigenschaften. Die Verknüpfung der Wörter im Satz beim Sprechen und die Gliederung der Sätze in Wörter beim Hören beruhen stets auf den grammatischen Eigenschaften der lexikalischen Einheiten. Diese Eigenschaften zu untersuchen und die Wörter nach grammatischen Merkmalen zu klassifizieren ist daher für eine allgemeine Theorie der Redeprozesse von großem Interesse. (Kaznelson 1974: 156) Man darf nicht übersehen, dass alles Sprechen aus einer Kette von Urteilen besteht. Es muss etwas geben, worüber gesprochen werden kann und es muss etwas über diesen Gesprächsgegenstand ausgesagt werden, nachdem er einfach festgelegt ist. Dieser Unterschied ist von so grundlegender Bedeutung, dass die große Mehrzahl aller Sprachen ihn dadurch unterstreicht, dass sie irgend welche formalen Schranken zwischen diesen beiden Teilen der Aussage errichtet. Der Gegenstand der Aussage ist ein Substantiv. Da dieser Gegenstand sehr häufig entweder eine Person oder ein Ding ist, gruppieren sich Substantive um anschauliche Begriffe dieser Art. Da, was über den Satzgegenstand ausgesagt wird, gewöhnlich eine Tätigkeit im weitesten Sinne des Wortes darstellt […], gruppieren sich die Formen, deren Aufgabe es ist, das Prädikat darzustellen, um Begriffe, die eine Tätigkeit ausdrücken. Tatsächlich existiert keine einzige Sprache, in der es nicht irgendeine Art der Unterscheidung zwischen Substantiv und Verb gäbe, obschon in einzelnen Fällen der Unterschied sehr vage ist. (Sapir 1961: 113) Will man also die Wortarten streng nach einem durchgehenden Kriterium klassifizieren, ergibt sich eine Entscheidung für syntaktische Kriterien mit Notwendigkeit, einfach auf Grund der – sicher trivialen – Feststellung, dass nicht alle Wortarten eine Beziehung zum außersprachlichen Denotat (sachlich) und bestimmte morphologische Kennzeichen (formal) haben; wohl aber sind sie alle von ihrer syntaktischen Funktion, d.h. ihrer Position und Distribution im Satz, fixierbar, auch wenn die Verhältnisse in den einzelnen Sprachen […] verschieden liegen, so dass eine mechanische Übertragung bestimmter Möglichkeiten aus einer Sprache (etwa dem Englischen) in eine andere (etwa das Deutsche) ausgeschlossen ist. (Helbig 1968: 79, nach Schaeder & Knobloch 1992: 358) Ablauf der Veranstaltung, Leistungen Nach dem einführenden Teil tragen sich die Teilnehmerinnen und Teilnehmer für jeweils eine -Wortart ihrer Wahl- ein, auf deren Bestimmungs- und Analyseprobleme sie sich speziell vorbereiten. Am Ende des Semesters findet eine Abschlussklausur statt, in der dann die jeweilige -Spezialwortart- kurz dargestellt, problematisiert und im Wortartsystem verortet wird (2/3 KP). Für die höheren KP-Zahlen ist eine Ausarbeitung bzw. Hausarbeit erforderlich. Themenplan [1] Einführung und Überblick [2] Die Wortarten des Deutschen im Internet: eine (deprimierende) Recherche [3] Nach welchen Kriterien wird klassifiziert? Das Modell von Walter Flämig (Morphologie -> Syntax) [4] Was wird klassifiziert? Der Wortbegriff der Wortartenlehre. Beziehungsbedeutungen (Sandmann 1940, abgedruckt in: Schaeder & Knobloch 1992: 221-252; Knobloch & Schaeder 2007) [5] Was ist universal, was ist einzelsprachlich an den Wortarten? (Kaznelson 1974: 156-214; Coseriu 1987, abgedruckt in: Schaeder & Knobloch 1992: 365-386). [6] Substantive und Verben I: syntaktische Generalisten und syntaktische Spezialisten. Das Verb als Träger der satzsyntaktischen Strukturvorgaben, das Substantiv als nichtrelationale Wortklasse (relationalisiert durch Kasus und Präpositionen). [7] Substantive und Verben II: plus/minus zeitstabil, Objekt- und Vorgangsprofilierung. [8] Adjektive im Deutschen; syntaktische Funktionen, morphologische Besonderheiten, Unterklassen (Dimensions- und Relationsadjektive etc.) (Eichinger 2007). [9] Die (mehr oder weniger!) geschlossenen Wortklassen I: Pronomina und Artikelwörter [10] Die (mehr oder weniger!) geschlossenen Wortklassen II: Präpositionen und Konjunktionen [11] Die (mehr oder weniger!) geschlossenen Wortklassen III: Partikel [12] Das Problem Adjektiv / Adverb im Deutschen [13] Zusammenfassung und Schluss Literatur Dürscheid, Christa (2005): Syntax. Grundlagen und Theorien. 3. Aufl. Wiesbaden: VS. Eichinger, Ludwig (2007): -Adjektiv (und Adkopula)-. In: Hoffmann (2007: 143-187) Eisenberg, Peter (1999): Grundriss der deutschen Grammatik II: Der Satz. Stuttgart: Metzler. Engelen, Bernhard (1984): Einführung in die Syntax der deutschen Sprache, Band 1: Vorfragen und Grundlagen. Baltmannsweiler: PV Schneider. Hoffmann, Ludger, Hg. (2007): Deutsche Wortarten. Handbuch der deutschen Wortarten. Berlin: de Gruyter. Kaznelson, S.D. (1974): Sprachtypologie und Sprachdenken. München: Hueber. Frevel, Claudia & Knobloch, Clemens (2005): -Das Relationsadjektiv-. In: C. Knobloch & B. Schaeder, Hg. (2005: 151-176). Knobloch, Clemens & Schaeder, Burkhard (2000): -Kriterien für die Definition von Wortarten-. in: G. Booij, Chr. Lehmann & J. Mugdan (eds.): Morphologie/Morphology, Ein Handbuch zur Flexion und Wortbildung (Reihe HSK). Berlin, New York 2000, 2. Halbband. S. 674-692. Knobloch, Clemens & Burkhard Schaeder, Hg. (2005): Wortarten und Grammatikalisierung. Perspektiven in System und Erwerb. Berlin: de Gruyter. Knobloch, Clemens & Burkhard Schaeder (2007): -Das Wort-. In: Hoffmann (2007: 21-50) Langacker, Ronald W. (2008): Cognitive Grammar. A basic introduction.New York:Oxford UP. Sapir, Edward (1961): Die Sprache. Eine Einführung in das Wesen der Sprache. München: Hueber. Schaeder, Burkhard & Knobloch, Clemens, Hg. (1992): Wortarten. Beiträge zur Geschichte eines grammatischen Problems. Tübingen: Niemeyer. Germanistik - Sprachwissenschaft I Beachten Sie, dass Sie diesen Kurs nach den Prüfungsordnungen ab 2011 nicht besuchen dürfen, wenn Sie die für dieses Modulelement laut Fachspezifischen Bestimmungen und Modulhandbuch notwendigen Voraussetzungen noch nicht erfüllen. Universität Siegen WiSe 2013/14 Univ.-Prof. Dr. Knobloch Clemens