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Uni-Siegen
14. März 2017

Lektüreseminar Saussure 8220 Grundfragen 8221

Einführung Ferdinand de Saussure gehört zu den merkwürdigsten Gestalten in der Geschichte der Sprachwissenschaft. -Sein- Cours de linguistique générale hat das Sprachverständnis der letzten 100 Jahre geprägt. Keine fachliche Einführung ohne sein bilaterales Zeichenmodell, ohne Synchronie und Diachronie, ohne Syntagmatik...

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Einführung Ferdinand de Saussure gehört zu den merkwürdigsten Gestalten in der Geschichte der Sprachwissenschaft. -Sein- Cours de linguistique générale hat das Sprachverständnis der letzten 100 Jahre geprägt. Keine fachliche Einführung ohne sein bilaterales Zeichenmodell, ohne Synchronie und Diachronie, ohne Syntagmatik und Paradigmatik. Das Buch freilich, das alle diese Axiome einer strukturalistischen Systemlinguistik unter seinem Namen wirkungsmächtig vereint, ist nicht von de Saussure selbst geschrieben worden. Zwei seiner Schüler haben es aus Vorlesungsmitschriften Dritter kompiliert. Die Arbeiten, die de Saussure zu Lebzeiten wirklich veröffentlich hat, sind heute nur wenigen indogermanistischen Spezialisten bekannt, sie handeln vom Vokalsystem des Indogermanischen und vom -absoluten Genitiv- im Sanskrit, also von höchst begrenzten Themen. Spektakulär und breit ist dagegen die Wirkungsgeschichte des Buches, das Saussure gar nicht selbst geschrieben hat, des CLG. Von allen Schulen der modernen Linguistik wird es als Gründungsdokument reklamiert. Der Streit darüber, was de Saussure nun wirklich gemeint/geschrieben habe, währt jetzt 100 Jahre. Wie viele wirkungsmächtige Texte ist auch der CLG voller Unklarheiten und Widersprüche und liefert darum reiches Material für die Rekonstruktion des Sprachverständnisses, mit dem mehrere Generationen von Linguisten aufgewachsen sind. Im Nachlass de Saussures findet sich viel Fragmentarisches, unfertige Skizzen, aphoristische Bemerkungen, kurz: höchst Widersprüchliches, kein fertiges Werk, aber viel Stoff für eine blühende Saussure-Philologie. Die freilich überlassen wir den Spezialisten. Im Seminar wollen wir zentrale Kapitel aus dem kanonischen Text des CLG gründlich sezieren und mit ihrer Hilfe zu rekonstruieren versuchen, wie sich das (im weitesten Sinne) strukturalistische Sprachverständnis zu unseren landläufigen (schriftbasierten) Vor-Urteilen über Sprachfähigkeit, Einzelsprache und Sprechen verhält. Themenplan [1] Einführung und Überblick; Leben und Werk de Saussures; Junggrammatische Sozialisation; Vorgeschichte und Editionen des CLG; Bemerkungen zur Wirkungsgeschichte; der -kanonische- und der -authentische- de Saussure; zeitliche Einbettung des CLG. [2] Das Sprachverständnis der Genfer Antrittsvorlesung 1891 (Fehr 1997: 240-279); Was ist eigentlich eine -Sprache-?; Skepsis und Zweifel; Naturwissenschaft oder historische Wissenschaft? -chanter- kommt von lateinisch -cantare-!; Sprachen sind keine Organismen; Wie kann eine Sprache untergehen?; Dialekte. [3] Die Natur des sprachlichen Zeichens (Wunderli 2013: 167-189): Arbitrarität, Konventionalität, Linearität des Signifikanten, Unveränderlichkeit vs. Veränderlichkeit des Zeichens. [4] Statische und evolutive (d.h. synchronische und diachronische) Linguistik (Wunderli 2013: 189-226; Scheerer 1980: 88-98): Symbole und andere soziale Institutionen; für den Sprecher gibt es nur den jeweiligen Sprachzustand; Lautwandel und analogischer Ausgleich; der Schachvergleich; Methoden und Prinzipien; Folgen der Vermischung. [5] Synchronische Linguistik (Wunderli 2013: 227-263); Sprachsystem und allgemeine Grammatik; Zeichen als Einheiten; Wortprobleme; Identitäten und Werte; In der Sprache gibt es -nur Unterschiede-; [6] Syntagmatische Beziehungen und assoziative Beziehungen (Wunderli 2013: 263-290); Beziehungen -in absentia- und -in praesentia-; syntagmatische Solidaritäten (-Konstruktionen-); paradigmatische Äquivalenzen; Einschränkung der Arbitrarität; Wortfelder und Wortfamilien; [7] Diachronische Linguistik, Lautwandel und Analogie (Wunderli 2013: 291-343); das junggrammatische Erbe; regelmäßige phonetische Veränderungen; Ursachen des Lautwandels; unbegrenzte Wirkungen des Lautwandels; grammatische Folgen des Lautwandels; Lexikalisierung und Demotivierung; die Analogie ist kein -Wandel-; sprachliches Kreativitätsprinzip; analogische Innovationen; [8] Geographische Linguistik (räumliche und zeitliche Variation), (Wunderli 2013: 371-408); die -Verschiedenheit- stand ursprünglich am Anfang von Saussures Vorlesung; die -natürliche- Suche nach Ähnlichkeiten und Unterschieden; Komplikationen; Unterschiede in Raum und Zeit; es gibt keine Dialektgrenzen; Ausbreitung von Innovationen; [9] Faculté de langage, langue, parole: drei Zugriffsweisen auf Sprechereignisse und Sprachdaten (Wunderli 2013: 69-96; Scheerer 1980: 77-88); Ontologisches und Methodisches; -real- ist nur das Sprechen; Was ist der Gegenstand der Linguistik?; Wie man sich -auf den Boden des Sprachsystems- stellt; der Kreislauf der parole; [10] Sprache und Schrift (Wunderli 2013: 97-120); Prestige und Einfluss der Schrift; zwei Zeichensysteme; phonetische und ideographische Systeme; Inkonsequenz und Diskrepanz; Kritik der Schrift; [11] Versuch einer Zusammenfassung; Wirkungen des CLG über die Grenzen der Sprachwissenschaft hinaus; die strukturalistischen Schulen; Ablauf der Veranstaltung Als Grundlage der Veranstaltung dient die neue zweisprachige Ausgabe des -kanonischen- Textes von Ferdinand de Saussures Cours de linguistique générale (Wunderli 2013), die eine neue deutsche Übersetzung zusammen mit dem kritischen Text der französischen Edition präsentiert. Die Veranstaltung ist als Lektüreseminar konzipiert, d.h. unbedingte Voraussetzung der Teilnahme ist, dass die jeweils in den Seminarsitzungen besprochenen Textabschnitte vorher gründlich gelesen und erarbeitet sind. Zu den Themen der einzelnen Kapitel gibt es jeweils Vertiefungsmöglichkeiten in den einschlägigen Abschnitten von Scheerer (1980 und Fehr (1997). Aktive Teilnahme (2/3 KP) bedeutet, dass Teilnehmerinnen und Teilnehmer jeweils in der Lage sind, über die zu besprechenden Kapitel kundig zu berichten. Für 4/6 KP sind Ausarbeitungen bzw. Hausarbeiten erforderlich. Literatur De Mauro, Tullio, Hg. (1972): Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale. Édition critique.Paris. Ehlers, Klaas-Hinrich (2005): Strukturalismus in der deutschen Sprachwissenschaft. Die Rezeption der Parger Schule zwischen 1926 und 1945. Berlin: de Gruyter. Engler, Rudolf, Hg. (1968ff): Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale. Édition critique. Wiesbaden. Fehr, Johannes, Hg. (1997): Ferdinand de Saussure: Linguistik und Semiologie. Notizen aus dem Nachlass. Frankfurt/M.: Suhrkamp. Jäger, Ludwig (1975): Zu einer historischen Rekonstruktion der authentischen Sprach-Idee Ferdinand de Saussures. Diss. Düsseldorf. Jäger, Ludwig, Hg. (2003): Ferdinand de Saussure, Wissenschaft der Sprache. Neue Texte aus dem Nachlass. Frankfurt/M.: Jäger, Ludwig (2010): Ferdinand de Saussure: zur Einführung. Hamburg: Junius. Saussure, Ferdinand de (1967): Grundfragen der allgemeinen Sprachwissenschaft. 2. Aufl. Berlin: de Gruyter. [kanonischer deutscher Text] Scheerer, Thomas M. (1980): Ferdinand de Saussure. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft. Wunderli, Peter, Hg. (1981): Saussure-Studien. Tübingen: Narr. Wunderli, Peter, Hg. (2013): Ferdinand de Saussure: Cours de linguistique générale. Zweisprachige Ausgabe französisch-deutsch mit Einleitung, Anmerkungen und Kommentar. Tübingen: Narr. Germanistik - Sprachwissenschaft I Universität Siegen WiSe 2013/14 Univ.-Prof. Dr. Knobloch Clemens