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14. März 2017Briefromane
Das achtzehnte Jahrhundert ist auch das Jahrhundert des Briefes genannt worden, denn Aufklärung und Empfindsamkeit bringen eine neue Briefkultur hervor, bei der individuelle Artikulation, privater bzw. halböffentlicher Austausch und eine neue Form emphatischer Liebeskommunikation eine wichtige Rolle spielen. In diesem...
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Jetzt Lernplan erstellenDas achtzehnte Jahrhundert ist auch das Jahrhundert des Briefes genannt worden, denn Aufklärung und Empfindsamkeit bringen eine neue Briefkultur hervor, bei der individuelle Artikulation, privater bzw. halböffentlicher Austausch und eine neue Form emphatischer Liebeskommunikation eine wichtige Rolle spielen. In diesem Kontext bildet sich mit dem Roman in Briefen auch ein neues Genre heraus, das die Entwicklung und Hochschätzung der Gattung Roman in und seit dieser Zeit entscheidend prägt. Wenn sich das Individuum ‚Briefe schreibend in seiner Subjektivität entfaltet', wie Habermas formuliert hat, stellt sich die Frage nach der Medialität von Individualität, aber auch etwa von Freundschaft, Liebe und Herzenssprache, deren Unmittelbarkeit im zeitgenössischen Diskurs (und gerade in Briefen) beschworen wird. Die Vorlesung behandelt neben Aspekten der Brieftheorie und Briefkultur einflussreiche deutschsprachige Briefromane des 18. Jhs (z.B. Sophie von LaRoche: Geschichte des Fräuleins von Sternheim, Goethe: Die Leiden des jungen Werther) im Kontext der europäischen Briefroman-Konjunktur (Richardson: Pamela und Clarissa; Rousseau: Julie ou la Nouvelle Héloïse; Choderlos de Laclos: Les Liaisons Dangereuses). Sie verfolgt darüber hinaus Entwicklungen des Genres in der Romantik (Tieck, Friedrich Schlegel, Bettine von Arnim), der Moderne (Franziska zu Reventlow, Else Lasker-Schüler) und in der Literatur der Gegenwart (z.B. email-Romane). Briefromane verhandeln, das soll gezeigt werden, besonders eindrucksvoll Grenzen von Leben und Schreiben und stellen die Frage nach den Bedingungen und Möglichkeiten von Autorschaft gerade auch im Hinblick auf die Geschlechterdifferenz, denn seit dem 18. Jh. gelten Frauen als privilegierte Briefschreiberinnen. Indem vor allem Briefromane, in denen der Erzähler vollständig hinter die verschiedenen Briefschreiber zurücktritt, zum Dramatischen tendieren, werfen sie die Frage nach den Grenzen der Gattung auf. Zudem verweisen sie immer wieder ausdrücklich auf die Materialität des Schriftmediums (das von Tränen gezeichnete Papier, der Brief als fetischähnlicher Ersatz für körperliche Nähe etc.) und geben so Anlass, grundsätzliche literaturwissenschaftliche und medientheoretische Fragen zu diskutieren.
Begleitend zur Vorlesung sollen gelesen werden: Goethe: Werther, Sophie von LaRoche: Fräulein von Sternheim, Else Lasker-Schüler: Mein Herz, Daniel Glattauer: Gut gegen Nordwind. Wenigstens teilweise sollten diese Lektüren (Reclam bzw. verfügbare Taschenbuchausgaben) bereits vor Vorlesungsbeginn abgeschlossen sein.
Deutsch, LA Berufskolleg, PO 2004
Universität Siegen
WiSe 2010/11
Deutsch, LA Gymnasium / Gesamt, PO 2004
Deutsch, LA Haupt / Real, PO 2004
Univ.-Prof. Dr.
Bischoff Doerte