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14. März 2017Die Conquista im spanischen Gegenwartstheater
-Der Amerikaner, der Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.- (Georg Christoph Lichtenberg, 1844-1847, Sudelbücher, Heft G (183)) Die Eroberung Lateinamerikas durch Spanien, die der -Entdeckung- Amerikas ab dem Jahr 1492 folgte, ist aus spanischer Sicht eine Geschichte von Triumph...
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Jetzt Lernplan erstellen-Der Amerikaner, der Kolumbus zuerst entdeckte, machte eine böse Entdeckung.- (Georg Christoph Lichtenberg, 1844-1847, Sudelbücher, Heft G (183))
Die Eroberung Lateinamerikas durch Spanien, die der -Entdeckung- Amerikas ab dem Jahr 1492 folgte, ist aus spanischer Sicht eine Geschichte von Triumph und Sieg und von Gottes Hilfe. Es ist die Geschichte einer glorreichen christlichen Missionierung eines ganzen Kontinents und nicht zuletzt die eines El Dorados und irdischen Paradieses. 500 Jahre lang wird dieses einzigartige Ereignis in spanischen Quellen nahezu ungebrochen in triumphalistischer Manier gefeiert. Azteken oder Inkas, die großen Herrscher Moctezuma und Atahualpa, ja selbst der indigene Widerstand nach deren Tod hatten gegen die Spanier keine Chance. Der christliche Gott war offensichtlich stärker als alle indigenen Götter zusammen, die Spanier mächtiger und zivilisierter als die Ureinwohner Amerikas und die spanische Kultur demgemäß allem anderen überlegen. Erst 1992, als die Spanier die -500-Jahr-Feier der Entdeckung Amerikas- begehen, werden die Proteststimmen laut: Man dürfe wohl kaum als -Feier- begehen, was als größter Völkermord der Geschichte angesehen werden könne. In Venezuela und Honduras werden Kolumbus-Denkmäler gestürzt, Panama begeht den Jahrestag als -Tag der Trauer-. Und man trauert nicht nur um die Ausrottung der Menschenleben unter den damaligen Ureinwohnern, sondern auch um den unermesslichen kulturellen Verlust, der nicht nur durch die Eroberung, sondern auch durch die jahrhundertelange spanische Herrschaft auf dem Kontinent verursacht wurde. Dies geht nun auch an Spanien nicht spurlos vorüber. Ein zumindest ansatzweises Umdenken setzt ein, die Geschichtsschreibung per se wird problematisiert, die einseitige Betrachtung der Conquista als -Triumph- relativiert, ihre unantastbaren -Helden- werden vermenschlicht und die Frage nach der Perspektive -der Anderen- aufgeworfen.
Das geschieht in wissenschaftlichen Diskursen, aber auch in fiktionalen Medien und damit auch im Theater. Die Chroniken von damals werden neu gelesen und die Conquista innovativ auf die Bühne gebracht. Im Seminar gehen wir dieser Entwicklung anhand von aktuellen spanischen Theaterstücken nach. So lernen wir gealterte Conquistadores und Chronisten kennen, die fernab von jeder Heldenverehrung einsam in Spanien leben, von Alpträumen heim gesucht werden, zwischen unterschiedlichsten Zeit- und Erinnerungsebenen hin und her schwanken, mit Malinche, der indigenen Geliebten von Cortés, und Atahualpa, dem letzten Inkaherrscher, sprechen, und ihre ehemals vertretenen Ansichten hinterfragen. Ausschnitte aus den damaligen Chroniken und andere zeitgenössische Quelle und Stimmen, die in diese Theaterstücken eingelassen sind, vermitteln ein eindrucksvolles Bild der damaligen Welten dies- und jenseits des Ozeans und zugleich einen Eindruck der Diskurse, die zwischen Triumph und Zweifel verlaufen. Als Zuschauer und Leser lernt man nicht nur viel über die Conquista, die indigenen Völker, Azteken und Inkas, Goldschätze und Kulturen, sondern auch über die Kunst und die Unzuverlässigkeit von Geschichtserzählungen.
Bitterli, Urs (2006). Die Entdeckung Amerikas. Von Kolumbus bis Alexander von Humboldt. München: Beck.
Floeck, Wilfried (1990) (Hrsg.). Spanisches Theater im 20. Jahrhundert. Gestalten und Tendenzen. Tübingen: Francke.
Floeck, Wilfried, Sabine Fritz (2009) (Hrsg.). La representación de la Conquista en el teatro espanol desde la Ilustración hasta finales del franquismo. Hildesheim, Zürich, New York: Olms.
Todorov, Tzvetan (1985). Die Eroberung Amerikas. Das Problem des Anderen. Berlin: Suhrkamp.
Romanistik - Französische und spanische Literaturwissenschaft
2/3 KP: aktive und regelmäßige (!) Teilnahme; szenische Präsentation eines Theaterstücks
5/6/7 KP: zusätzliches Verfassen einer Hausarbeit
Universität Siegen
WiSe 2012/13
Dr.
Mandler Sabine