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14. März 2017Dilettantismus und Epigonentum Zur Kanonisierung von Schriftstellerinnen seit dem 18 Jahrhundert
Der lange Weg der Frauen zur literarischen Mündigkeit, ihre Emanzipation als Leserinnen wie als Autorinnen, wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts überschattet vom Dilettantismus-Verdacht, den insbesondere die beiden ‚Dioskuren
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Jetzt Lernplan erstellenDer lange Weg der Frauen zur literarischen Mündigkeit, ihre Emanzipation als Leserinnen wie als Autorinnen, wurde im Laufe des 18. Jahrhunderts überschattet vom Dilettantismus-Verdacht, den insbesondere die beiden ‚Dioskuren' der Weimarer Klassik, Goethe und Schiller, normästhetisch zu begründen und poetisch zu berichtigen versuchten. Nachdem die frühaufklärerische Figur der Gelehrten zur ‚Meister-Schülerin' (vgl. ‚die Gottschedin') befördert worden war, unterwarfen sich engagierte Schriftstellerinnen wie Sophie von La Roche nicht nur Anonymisierungs-Strategien, sondern zudem einer paternalistischen Taktik, der Herausgabe ihrer Werke durch einen berühmten Mentor (Wieland). Obwohl es eine weibliche Tradition des Schreibens gab, maßen sich sogar innovatorische Projekte aus dem Kreis der Romantikerinnen, etwa Bettine von Arnims Briefromane, am goetheanischen Ideal. Frauen, deren ‚natürliche' Domäne die Zweckform des Privatbriefs blieb, schrieben gleichsam unter fremdem Namen. In dem Maße, wie sich die Enkelinnen eines zur Hofpoetin gekürten ‚naiven' Naturtalents (‚die Karschin') journalistisch professionalisierten (Helmina von Chezy, Therese Hubert), erfolgte die Kanonisierung von Schriftstellerionnen, z.B. der ‚größten deutschen Dichterin' Annette von Droste-Hülshoff, als deren symbolische ‚Vermännlichung'. Weibliche Autorschaft war noch im 20. Jahrhundert, wie der Fall Marieluise Fleißers zeigt, an eine oftmals problematische männliche Vermittlung gebunden. Daher blieb sogar ein literarischer Star der Nachkriegszeit, die Österreicherin Ingeborg Bachmann, im interkulturellen Netzwerk eines Literaturbetriebs gefangen, der es ihr erschwerte, das Wort ‚im Femininum' zu ergreifen. Erst im neofeministischen Kontext der 70er Jahre wurde es möglich, dem kulturhistorischen Ausschluss des Weiblichen zu begegnen, wobei sich wertungsästhetische Prozesse nun auf dem Feld der sich institutionalisierenden ‚Frauenliteratur' selbst zutrugen. Anhand ausgewählter Beispiele soll den komplexen Korrelationen zwischen Autorschaft und (Selbst)Autorisierung, Epigonalität und Dilettantismus sowie Verwerfung als Bedingung der Kanonisierung unter kultur- und literaturhistorischen Aspekten nachgegangen werden. - Formale Teilnahmebedingung ist die Übernahme eines Referats.
Literatur (Auswahl)
Vaget, Hans: Dilettantismus und Meisterschaft. München 1971
Stanitzek, Georg: -Dilettantismus-. In: Klaus Weimar (Hg.), Reallexikon der Deutschen Literaturwissenschaft. Berlin/New York 1997
Hahn, Barbara: Unter falschem Namen. Von der schwierigen Autorschaft der Frauen. Suhrkamp 1991
Loster-Schneider, Gudrun: Sophie La Roche. Paradoxien weiblichen Schreibens im 18. Jahrhundert. Tübingen 1995
Bürger, Christa: Leben Schreiben. Die Klassik, die Romantik und der Ort der Frauen. Metzler 1990
Becker-Cantarino, Barbara: Schriftstellerinnen der Romantik. Epoche - Werke - Wirkung. München: C.H. Beck 2000
Heydebrand, Renate von/Simone Winko: Einführung in die Wertung von Literatur. Systematik - Geschichte - Legitimation. Paderborn u.a. 1996 (UTB Nr. 1953)
Brigitte Spreitzer: Texturen. Die österreichische Moderne der Frauen. Wien 1999
Tax, Sissi: marieluise fleißer. schreiben, überleben. ein biographischer versuch (‚84)
Germanistik
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SoSe 2010
apl. Prof. Dr.
Runte Annette