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Uni-Siegen
17. Juli 2017

Frauen reisen anders Die Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach

Reisen Frauen anders? Auch im Abendland hat sich ein unmündiges, unter männlicher (Vor-) Herrschaft stehendes Geschlecht sein Recht auf selbstständige Mobilität erst einmal erkämpfen müssen. Nicht von ungefähr fiel die zunehmende Reiselust der Frauen mit ihrer persönlichen Emanzipation zusammen, vor...

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Reisen Frauen anders? Auch im Abendland hat sich ein unmündiges, unter männlicher (Vor-) Herrschaft stehendes Geschlecht sein Recht auf selbstständige Mobilität erst einmal erkämpfen müssen. Nicht von ungefähr fiel die zunehmende Reiselust der Frauen mit ihrer persönlichen Emanzipation zusammen, vor allem der allmählichen Befreiung vom bürgerlichen Modell einer geschlechtsspezifischen Sphärentrennung, die das Weibliche in den häuslich-familiären Innenraum verbannte und die soziale Öffentlichkeit tendenziell dem Männlichen vorbehielt. Der Aufbruch privilegierter Frauen in die ‚Außenwelt’, wenn auch zunächst vom Beobachterposten aus, wurde durch die Erkundung fremder, exotischer Kulturen nicht allein potenziert, sondern blieb – als Bildungs- wie als Vergnügungsreise – auch in schützender Begleitung lange ein abenteuerliches Wagnis. Seit der Aufklärung waren reisende Europäerinnen, die auch als Gelehrte oder Schriftstellerinnen von ihren Eindrücken Zeuagnis hinterließen (etwa in Briefen, Tagebüchern oder Romanen), auch in fernen Ländern unterwegs, so z.B. die Gräfin Ida von Hahn-Hahn. Besonders Orientreisen kamen im 19. Jahrhundert, nicht zuletzt durch den Kolonialismus, immer mehr in Mode. In diesem Seminar wollen wir uns allerdings mit neueren Texten befassen, nämlich den ‚Reiseberichten’ der Schweizer Schriftstellerin Annemarie Schwarzenbach (1908-1942) beschäftigen, die in den 1930er Jahren mehrmals als Journalistin im Nahen bzw. Mittleren Osten (Persien, Afghanistan usw.) unterwegs war, aber auch sozialkritische (Foto-) Reportagen aus den USA der Depressionszeit oder aus dem Kongo während des Zweiten Weltkriegs lieferte. Ihre schwer einzuordnenden (und größtenteils postum veröffentlichten) Texte, die sich zwischen Beobachtung, Fiktion und Phantasma bewegen, unterlaufen die Dichotomie zwischen Bekanntem und Unbekanntem, indem sie die Veränderlichkeit des bewegten Subjekts durch die Welt zulassen. Damit wird die Dichotomie von ‚Fremde’ und ‚Heimat’ von vorneherein ausgesetzt. Da die Wiederentdeckung der inzwischen zur Kultfigur avancierten Schwarzenbach, einer Freundin von Erika und Klaus Mann, jedoch -im Schatten der Biografie- (Walter Fähnders) steht, auf die man sich gern beschränkt, gilt es, sich vor lebensgeschichtlichen Reduktionen des Schreibens zu hüten. Zu fragen wäre: In welcher Form präsentiert sich die Erfahrung des Anderen? Welche Kontexte und Diskurse prägen ihre Texte? Unterscheiden sich die einzelnen Reisebücher stilistisch? Stehen sie intertextuell in einer ‚weiblichen’ Tradition? Insofern böte sich vielleicht an, die Aufzeichnungen der exzentrischen Außenseiterin mit jenen einer weniger bekannten Vorläuferin, der Exilrussin Isabelle Eberhardt (1877-1904), zu vergleichen, die – als zum Islam übergetretene und als Mann travestierte Nomadin in Nordafrika – ihrerseits Briefe, Tagebücher und Erzählungen verfasste. - Teilnahmebedingung für diese Veranstaltung ist die Bereitschaft zu umfangreicher Lektüre und zur Übernahme eines Referats. Die mit einem Stern (*) gekennzeichneten Aufsätze bzw. Bücher sollen bereits vor Beginn des Semesters gelesen sein. Primärliteratur: - * Schwarzenbach, Annemarie: Winter in Vorderasien. Tagebuch einer Reise[1934]. Basel: Lenos Vlg. 2002 - Dies.: Tod in Persien [entst. 1935/36]. Ebd. 1995, ²2003 - Dies.: Das glückliche Tal [1940]. Ebd. 2006, Sonderausgabe 2010 - Dies.: Alle Wege sind offen. Die Reise nach Afghanistan 1939/1940. Ebd. 2000, 2003 - * Dies.: Eine Frau zu sehen. Mit Fotografien v. A. Schw. u. einem Nachwort v. Alexis Schwarzenbach. Zürich/Berlin: Kein & Aber 2008/2012 - Dies.: Bei diesem Regen. Erzählungen. Hg. Roger Perret. Basel: Lenos 1989 - Dies.: Jenseits von New York. Reportagen u. Fotografien 1936-1938. Ebd. 1992 - * Eberhardt, Isabelle: Sandmeere 1. Tagwerke. Im heißen Schatten des Islam. Hg. von Christian Bouqueret. Aus dem Frz. v. Grete Osterwald. Mit einem Vorw. v. Hans Christoph Buch. Rowohlt 1983 - Dies.: Sandmeere 2. Notizen von unterwegs. Vergessenssucher. Islamische Blätter. Ebd. ²1989 Sekundärliteratur: - Fähnders, Walter/Sabine Rohlf (Hgg.): Annemarie Schwarzenbach. Analysen und Erstdrucke. Bielefeld: Aisthesis 2005 (darin: Artikel v. Silvia Henke u. K. Schlieker) - Carbone, Mirella (Hg.): Annemarie Schwarzenbach. Werk, Wirkung, Kontext. Akten der Tagung in Sils/Engadin vom 16.-19.10.2008. Bielefeld: Aisthesis 2010 (darin: Artikel von W. Fähnders, S. Rohlf, K. Schmidt, S. Henke, F. Bergmann) - * Schwarzenbach, Alexis: Auf der Schwelle des Fremden. Das Leben der Annemarie Schwarzenbach. München: Rolf Heyne 2008 - Lavizzari, Alexandra: Fast eine Liebe. Annemarie Schwarzenbach und Carson McCullers. Berlin: edition ebersbach 2008 - Kobak, Annette: Wie treibender Sand. Das berauschende Leben der Isabelle Eberhardt. Wien: Neff 1990 - * Errera, Eglal: Isabelle Eberhardt. Eine Biographie mit Briefen, Tagebuchblättern, Prosa. Aus d. Frz. v. Giò Waeckerlin Induni. Basel: Lenos ² 1992 (1989) - Brenner, Peter J. (Hg.): Der Reisebericht. Die Entwicklung einer Gattung in der deutschen Literatur. Ffm.: Suhrkamp 1989 (taschenbuch materialien 2097) - Siegel, Christian: Die Reportage. Stuttgart: Metzler 1978 - Said, Edward: Orientalismus. Ullstein 1981 - Kristeva, Julia: Fremde sind wir uns selbst [frz. Orig. 1988]. Ffm.: Suhrkamp 1990 - Pelz, Annegret: Die Reise durch die eigene Fremde. Reiseliteratur von Frauen als autobiographische Schriften. Köln u.a.: Böhlau 1993 - Hodgson, Barbara: Die Wüste atmet Freiheit. Reisende Frauen im Orient 1717 bis 1930. 2007 - Stamm, Ulrike: Der Orient der Frauen. Reiseberichte deutschsprachiger Autorinnen im frühen 19. Jh. Köln u. a.: Böhlau 2010 Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I Universität Siegen SoSe 2016 apl. Prof. Dr. Runte Annette