Uni-Kassel
14. März 2017Hauptseminar Staatliche Gewalt und Verbrechen in Kriegs und Kolonialkontexten Geschichte und Gedenken im Frankreich des 20 Jahrhunderts
Seit nunmehr gut 25 Jahren sind Fragen der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Frankreich hochgradig aktuell. Ging es zunächst vor allem um das Vichy-Regime, so gelangte mehr und mehr der Algerienkrieg in den Blickpunkt des Interesses, zuletzt immer stärker die französische...
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Jetzt Lernplan erstellenSeit nunmehr gut 25 Jahren sind Fragen der Geschichtspolitik und Erinnerungskultur in Frankreich hochgradig aktuell. Ging es zunächst vor allem um das Vichy-Regime, so gelangte mehr und mehr der Algerienkrieg in den Blickpunkt des Interesses, zuletzt immer stärker die französische Kolonialgeschichte insgesamt. Gerade das letzte Jahrzehnt bildete einen Höhepunkt des spannungsreichen Verhältnisses von Histoire - Mémoire - Pouvoir (Geschichte - Gedenken - Politik), und dies in dreierlei Hinsicht: 1. in Bezug auf staatliche Ansprüche, ein kollektives nationales Gedenken zu dekretieren, eine heldenhaft-einheitsstiftende Nationalgeschichte fortzuschreiben und Vorgaben für Forschungspraxis und Schulunterricht zu machen; 2. in Bezug auf einzelne Gruppen, das eigene Leiden, die eigene Geschichte in die nationale -Meistererzählung- eingewoben zu finden; 3. in Bezug auf Geschichte als Wissenschaft, die sich - mit durchaus verschiedenen Positionen - öffentlich zur Wehr zu setzen hatte, um staatliche Einmischungen in die Schranken zu weisen.
Ziel des Seminars ist es, einen Überblick über die Kriegs- und Kolonialgeschichte(n) des 20. Jh. zu vermitteln sowie über den staatlichen und gesellschaftlichen Umgang mit Gewaltakten und Verbrechen, die in diesem Zusmamenhang im Namen Frankreichs begangen worden sind. Nach einführenden Sitzungen, die dazu dienen sollen, die maßgeblichen kriegerischen Auseinandersetzungen Frankreichs im 20. Jh. zu systematisieren und die Unterschiede im nationalen Gedenken an den Ersten und den Zweiten Weltkrieg herauszuarbeiten, geht es anschließend schwerpunktmäßig um belastete kolonialhistorische Vergangenheiten. Eine der Leitfragen wird die nach den Mechanismen sein, die aus belasteten Vergangenheiten zu bestimmten Zeitpunkten breite öffentliche Debatten entstehen lassen und zu staatlichen (Re-)Aktionen führen, sei es durch Politiker-Reden oder Gesetze, sei es durch Schaffung von Gedenktagen, Gedenkstätten, Museen, etc.
Einführende Literatur: Nicolas Bancel e.a. (Hg.), Ruptures postcoloniales. Les nouveaux visages de la société française, Paris (La Découverte) 2010; Raphaëlle Branche, La guerre d'Algérie. Une histoire apaisée? Paris (Seuil) 2005; Raphaëlle Branche / Marie-Claude Albert (Hg.), La France en guerre 1954-1962. Expériences métropolitaines de la guerre d'indépendance algérienne, Paris (Éd. Autrement) 2008; Catherine Coquery-Vidrovitch, Enjeux politiques de l'histoire coloniale, Marseille (Agone) 2009; Alain Dewerpe, Charonne, 8 février 1962. Anthropologie historique d'un massacre d'État, Paris (Gallimard) 2006; Dietmar Hüser (Hg., in Zsarb. m. Christine Göttlicher), Frankreichs Empire schlägt zurück. Gesellschaftswandel, Kolonialdebatten und Migrationskulturen im frühen 21. Jahrhundert, Kassel (University Press) 2010; Dominique Kalifa, Biribi. Les bagnes coloniaux de l'armée française, Paris (Perrin) 2009; Christiane Kohser-Spohn / Frank Renken (Hg.), Trauma Algerienkrieg. Zur Geschichte und Aufarbeitung eines tabuisierten Konflikts, Frankfurt / New York (Campus) 2006; Johann Michel, Gouverner les mémoires. Les politiques mémorielles en France, Paris (PUF) 2010; Nicolas Offenstadt, L'histoire bling-bling. Le retour du roman national, Paris (Stock) 2009; Olivier Pétré-Grenouilleau (Hg.), Dictionnaire des esclavages, Paris (Larousse) 2010; Henry Rousso, Vichy. L'événement, la mémoire, l'histoire, Paris (Gallimard) 2001.
Bemerkung
Teilnahme nur nach Voranmeldung bei Frau Göttlicher (c.goettlicher@uni-kassel.de)
FB 05 Gesellschaftswissenschaften
Uni Kassel
WiSe 2010/11
Romanistik/Französisch
Berufsbezogene Mehrsprachigkeit
Prof. Dr.
Hüser Dietmar