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Uni-Kassel
14. März 2017

Hauptseminar Textinterpretation und Explication de texte Dt frz Differenzen

Wer in Deutschland ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht, wird allenthalben mit der Aufforderung konfrontiert, einen Text zu interpretieren. In Frankreich dagegen steht die Übung der explication de texte in Lehrveranstaltungen zur Literatur ganz oben an. Beides ist nicht dasselbe. Das hat...

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Wer in Deutschland ein literaturwissenschaftliches Seminar besucht, wird allenthalben mit der Aufforderung konfrontiert, einen Text zu interpretieren. In Frankreich dagegen steht die Übung der explication de texte in Lehrveranstaltungen zur Literatur ganz oben an. Beides ist nicht dasselbe. Das hat mit der divergierenden Entwicklung der Philologien in beiden Ländern zu tun, insbesondere aber damit, dass die von Dilthey im späten 19. Jh. etablierte methodische Unterscheidung zwischen Erklären (Naturwissenschaften) und Verstehen (Geisteswissenschaften) nur in Deutschland nachhaltig wirkte. Mit dem Begriff des Verstehens verbindet sich die Methode der Hermeneutik, die auf die Interpretation der im Text enthaltenen Bedeutung zielt und, zumindest in jüngerer Zeit, auch die historische Distanz zwischen Text und Leser mit einbezieht. In Frankreich dagegen haben sich die Wissenschaften anders sortiert. Die critique littéraire zählt hier nicht zu den sciences humaines, sondern zu den lettres. Methodisch ist sie von der L’homme et l’œuvre - Forschung des 19. Jh. geprägt. Die explication de texte nimmt diese Ausrichtung auf und verknüpft sie mit einem philologischen Kommentar, der die Eigenart eines Textes aus seiner Sprache und aus der Tradition erklärt. Das Seminar will diese deutsch-französischen Differenzen wissenschaftsgeschichtlich und methodisch verorten und in ihren Konsequenzen für den Umgang mit Texten auszuloten versuchen. An Racines Tragödie Britannicus (1669) sollen abschließend verschiedene Interpretationsmöglichkeiten durchgespielt werden. Eine Textsammlung liegt ab Anfang April im WISO-Pool als Kopiervorlage bereit. Grundlegende und weiterführende Literatur wird in einem Semesterapparat zur Verfügung gestellt. Seminarvorbereitende Lektüren: Heinrich Bosse, -Verstehen-, in: Heinrich Bosse / Ursula Renner (Hg.), Literaturwissenschaft. Einführung in ein Sprachspiel, Freiburg, Rombach 1999, S. 63-81 Jonathan Culler, Literaturtheorie. Eine kurze Einführung, Stuttgart, Reclam 2002, Kap. 4: -Sprache, Bedeutung und Interpretation-, S. 81-101 Zur Anschaffung empfohlen : Jean Racine, Britannicus. Présentation par Jacques Morel, Paris, Garnier Flammarion 2010 (2,90 €) [oder eine andere Taschenbuchausgabe] Voraussetzungen Erfolgreich abgeschlossenes Basismodul Literaturwissenschaft Leistungsnachweis Regelmäßige aktive Teilnahme, mündliches Kurzreferat, schriftliche Hausarbeit FB 02 Institut für Romanistik Erfolgreich abgeschlossenes Basismodul Literaturwissenschaft Regelmäßige aktive Teilnahme, mündliches Kurzreferat, schriftliche Hausarbeit Uni Kassel SoSe 2012 Französisch Romanische Philologie NF Prof. Dr. Sick Franziska