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Uni-München
14. März 2017

Hauptseminar Theatrale Formen im Siglo de Oro

Die Gesellschaft des Barock ist tiefgreifend geprägt durch theatrale Phänomene, die sämtliche Lebensbereiche von der Politik bis zur Kunst umfasst. Diese Vielfalt an performativen Phänomenen legt Zeugnis ab von einer grundlegenden, epistemologischen Wende der barocken Gesellschaft ab, bei der wirklich...

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Die Gesellschaft des Barock ist tiefgreifend geprägt durch theatrale Phänomene, die sämtliche Lebensbereiche von der Politik bis zur Kunst umfasst. Diese Vielfalt an performativen Phänomenen legt Zeugnis ab von einer grundlegenden, epistemologischen Wende der barocken Gesellschaft ab, bei der wirklich nur das ist, was repräsentiert werden kann. Die politische Kultur der Frühen Neuzeit kann nicht verstanden werden, ohne die von Medien und Massenmedien produzierten Anschauungen. Macht, soziale und politische Identität werden vermittelt über Repräsentationen. Eines der wichtigsten Repräsentationsmedien des Siglo de Oro stellt das Theater in seinen verschiedenen Ausprägungen und Gattungen dar – das ist nichts weiter als ein Gemeinplatz. Unterschlagen wird dabei gerne, dass die in der literarhistorischen Forschung kanonisierten Gattungen nur einen geringen Teil eines breiten Spektrums von performativen Phänomenen ausmachen, welche die scheinbare Homogenität des Theaters des Siglo de Oro auf eine Vielfalt an theatralen Praktiken und Kontexten öffnen. Das Seminar möchte diesen Raum theatraler Formen zumindest ansatzweise rekonstruieren, um so das ambivalente Feld zwischen Repräsentation von Macht und divergenten Praktiken, zwischen Imperium und Peripherie, zwischen Wirklichkeit und Fiktion erschließen. Neben den klassischen Formen mit deren kanonischen Autoren kanonischer Gattungen wie Lope de Vega, Pedro de Calderón, Miguel de Cervantes und Tirso de Molina und die comedia de honor, auto sacramental, entremés und comedia de capa y espada, sollen im Seminar auch Formen der Repräsentation von Macht wie die Entrada del rey und das höfischen Fest untersucht werden, das einen Rahmen bietet für spektakuläre mythologische Stücke sowie Tanzdarbietungen als auch reine Showeffekte wie Feuer- und Wasserspiele inszeniert, weiterhin am Beispiel von Anatomievorlesungen, der Inszenierung von Wirklichkeit in Museum und Kuriositätenkabinett sowie der Demonstration optischer Gesetze in der Laterna Magica gezeigt werden, wie theatrale Formen die Gelehrtenkultur – und das bis heute – prägen. Besonderer Nachdruck soll auch auf Formen gelegt werden, die religiöse mit populärerer Selbstdarstellung verbinden, wie Prozessionen oder Villancicos, ebenso wie auf erfolgreiche Formen populärer Unterhaltung wie das Puppenspiel und andere artistische Darbietungen und nicht zuletzt die Massenunterhaltung des Barock schlechthin: spektakuläre Hinrichtungen. Auf diese Weise soll auch den heterogenen gesellschaftlichen Strukturen der theatralen Öffentlichkeit und der Spannung zwischen absolutistischen sowie kolonialistischen Bestrebungen und populären als auch peripheren Gegenbewegungen, für die exemplarisch Namen wie Lope de Rueda, Juan Ruiz de Alarcón und Sor Juana stehen, Rechnung getragen werden. Department II - Griechische und Lateinische, Romanische, Italienische und Slavische Philologie, Sprachen und Kommunikation LMU München SoSe 2016 Dr. Doetsch Hermann