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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Öffentlich privat Soziologische Theorien und Diagnosen eines gesellschaftlichen Ordnungsmodus im Wandel der Zeit

Einflussreichen Vertreter*innen der soziologischen und politischen Theoriebildung gilt die Unterscheidung öffentlich/privat als der zentrale Ordnungsmechanismus moderner Gesellschaften (Bobbio 1989; Weintraub 1997; Sassen 2008). Außerdem beschäftigt sich eine ganze Reihe soziologischer Klassiker mit der historischen Genese und Entwicklung dieser Unterscheidung (Arendt...

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Einflussreichen Vertreter*innen der soziologischen und politischen Theoriebildung gilt die Unterscheidung öffentlich/privat als der zentrale Ordnungsmechanismus moderner Gesellschaften (Bobbio 1989; Weintraub 1997; Sassen 2008). Außerdem beschäftigt sich eine ganze Reihe soziologischer Klassiker mit der historischen Genese und Entwicklung dieser Unterscheidung (Arendt 1960; Habermas 1962; Sennett 1983), wobei die die Autor*innen sich jedoch in erster Linie als an der Öffentlichkeitsseite der Medaille interessiert zeigen. Demgegenüber kann der rechtswissenschaftliche, sozialphilosophische und informatische Diskurs ganze Bücherregale füllende, theoretisch-konzeptionelle Auseinandersetzungen mit dem Gegenstand der Privatheit vorweisen. Dass die soziologische Forschung zur Unterscheidung öffentlich/privat bislang v.a. auf das Öffentliche fokussierte, mag nicht zuletzt mit der Tendenz zusammenhängen, Öffentlichkeit zumindest implizit mit Gesellschaft, Privatheit hingegen mit bürgerlichen Vorstellungen von Individualität und Rückzug vom Sozialen gleichzusetzen. Offenkundig reichen solche Privatheitsverständnisse vor Hintergrund digital gestützter Vernetzungspraktiken nicht mehr hin. Gerade deshalb ist es lohnenswert, soziologische Erkenntnisse zum Thema Privatheit auf ihre analytischen Potentiale hin zu befragen, und mit den theoretischen und empirischen Wissensbeständen anderer Disziplinen zu konfrontieren. Privatheitstheorien werden (zumindest potentiell) fast unmittelbar praktisch und somit politisch wirksam, sofern sie normative Debatten in Rechts- und Technikwissenschaften informieren. So ist es bspw. durchaus kein Zufall, dass zum einen der Rechtsdiskurs die Unterscheidung nicht nur zur eigenen Systematisierung nutzt (öffentliches Recht/Privatrecht), sondern darüber hinaus auch äußerst großes Interesse an der Entscheidung von Fragen hegt, welche sich aus soziologischer Sicht allesamt um die Unterscheidung öffentlich/privat ranken (z.B. Fragen legitimer Datenflüsse, Eigentumsfragen, Fragen der körperlichen Integrität usw.). Zum anderen nehmen technikwissenschaftlich orientierte Interventionen vielfach diskursive (so etwa die Einlassungen des ehemaligen Google CEO Eric Schmidt zum Thema Privacy) oder technische Normsetzungen vor (so z.B. die ausdrückliche Umsetzung von Privatheitsvorstellungen des Facebook-Gründers Marc Zuckerberg im Design der Plattform). Das Seminar wird den Versuch unternehmen, den z.T. verstreuten Schatz soziologischer Privatheitstheorie zu heben, um diesen dann auf verschiedene rechts- und technikwissenschaftliche Wissensbestände und Normsetzungen der Vergangenheit und Gegenwart analytisch anzuwenden. Entsprechend wird von den Seminarteilnehmer*innen nicht nur ein ausgeprägtes Interesse an soziologischer Theoriebildung erwartet, sondern auch die Bereitschaft, sich auf interdisziplinäre Diskurse sowie auf den Versuch eines Transfers soziologischer Theorie in das Feld praktischer Fragen einzulassen. Zur Einführung: Jurczyk, Karin/Oechsle, Mechtild (2008): Privatheit: Interdisziplinarität und Grenzverschiebungen. Eine Einführung. In: Dies. (Hg.): Das Private neu denken. Erosionen, Ambivalenzen, Leistungen. Münster: Westfälisches Dampfboot, S. 8-47. FB 05 Gesellschaftswissenschaften Uni Kassel SoSe 2016 Soziologie Dr. Ochs Carsten