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Uni-Siegen
14. März 2017

Literatur und Mathematik

Was haben Literatur und Mathematik gemeinsam? Das offensichtlichste Merkmal ist: Sie folgen einer bestimmten SYNTAX. Ob es Zahlen oder Buchstaben sind – es liegen Formeln zugrunde, die Bedingungen und Variablen vorgeben, und deren Elemente in einer bestimmten, logischen Beziehung zueinander...

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Was haben Literatur und Mathematik gemeinsam? Das offensichtlichste Merkmal ist: Sie folgen einer bestimmten SYNTAX. Ob es Zahlen oder Buchstaben sind – es liegen Formeln zugrunde, die Bedingungen und Variablen vorgeben, und deren Elemente in einer bestimmten, logischen Beziehung zueinander stehen. Zwei weitere einende Merkmale sind nicht ganz so offensichtlich, aber umso spannender. Das erste ist, dass sowohl die Mathematik als auch die Literatur uns RÄTSEL aufgeben. In der Mathematik suchen Forscher/innen manchmal jahrhundertelang nach dem Beweis einer bekannten Beziehung, also einem so genannten mathematischen -Satz-. Eines der berühmtesten mathematischen Rätsel ist -Fermats letzter Satz-: Pierre de Fermat hat im 17. Jahrhundert einen Satz verkündet, zu dem er angeblich den Beweis geführt hat – nur, dass alle seine schriftlichen Aufzeichnungen zu diesem Beweis verschollen sind. 350 Jahre lang haben sich die namhaftesten Mathematiker mit der Lösung dieses Rätsels beschäftigt, bis 1994 etwas Ausschlaggebendes geschah... In der Literatur sind es vor allem Kriminalromane, die explizit Rätsel aufgeben wollen – und die Aufgabe der Leser besteht letztlich in der gleichen logischen Vorgehensweise, wie die des Mathematikers: es gilt, relevante Variablen auszumachen, dann anhand von Indizien Rückschlüsse auf deren Beziehungen untereinander zu ziehen und schließlich per Ausschlussverfahren die Zahl der Variablen so zu verringern, dass man zu der -einzigen logischen Lösung- (dem Mörder/der Mörderin) kommen kann. Die zweite nicht so offensichtliche Gemeinsamkeit besteht in der UNVOLLSTÄNDIGKEIT der Beweisführung. Literaturwissenschaftler/innen wissen, dass Interpretationen nicht -falsch-, -richtig- oder -endgültig- sein können, sondern nur nachvollziehbar und plausibel aus dem Text heraus begründet. Neue Lesarten sind immer möglich und auch erwünscht – der hermeneutische Zirkel, der besser als -Spirale- verstanden werden sollte, ist das literarische Modell dazu. In der Mathematik gibt es mit dem berühmten -Gödelschen Unvollständigkeitssatz- eine Behauptung, die man plakativ gesprochen wie ein Abbild des hermeneutischen Zirkels in Zahlen lesen kann: Gödel hat den Beweis geführt, dass es mathematische Aussagen gibt, die sich weder hinreichend beweisen noch widerlegen lassen, sodass die zugrunde liegenden Systeme als unvollständig betrachtet werden müssen. Wenn nun alle diese Gemeinsamkeiten an einem Ort zusammen kommen, entsteht so etwas wie der brillante Kriminalroman des Argentiniers Guillermo Martínez Die Pythagoras Morde / Crímenes imperceptibles (2003) (verfilmt 2008 unter dem Titel The oxford murders). Durch seine Reihen filieren die berühmtesten Mathematiker, die sich gerade an Fermats letztem Satz abarbeiten, ein argentinischer Mathematikstudent und ein hochberühmter Mathematikprofessor, die als Duo an der Lösung rätselhaftester Morde arbeiten, und natürlich der/die Mörder/in, der/die an den Tatorten Botschaften hinterlässt, die mathematisch verschlüsselt sind. Greift nun Gödels Unvollständigkeitssatz und es ist unmöglich, das perfekte Verbrechen zu begehen? Und was hat Pythagoras mit der ganzen Geschichte zu tun? Keine Sorge, wer Mathe in der Schule gehasst hat, wird durch diesen Roman keine neuen Traumata erleiden, im Gegenteil: er bietet Ihnen vielmehr die Möglichkeit, der Mathematik in ihren Verbindungen zu Kriminalistik und Literatur endlich -doch- noch etwas abzugewinnen. Im Seminar behandeln wir diesen Kriminalroman gemeinsam im Detail. Ihre Aufgabe ist es zudem, selbst ein literarisches Werk ausfindig zu machen, in dem die Beziehungen zwischen Mathematik und Literatur eine zentrale Rolle spielen. Begeben Sie sich also alsbald auf Spurensuche in den Literaturlandschaften und tragen Sie die spannendsten aller Werke zusammen, sodass wir im Seminar nach Herzenslust rätseln und analysieren können. Sie müssen den Roman vor Semesterbeginn noch nicht gelesen haben, schaffen Sie ihn sich aber bitte rechtzeitig an. Martínez, Guillermo: Crímenes imperceptibles. Buenos Aires: Planeta 2008. Martínez, Guillermo: Die Pythagoras Morde. München: Heyne 2008. Achtung, wichtiger Hinweis: Man spricht von -Spoilern-, wenn in Texten, die zu einem Kriminalroman geschrieben werden, die Lösungen schon drin stehen, sodass die Spannung -kaputt- ist, wenn man den Krimi danach noch lesen will. Suchen Sie daher nicht nach Zusatzinformationen im Internet, solange Sie den Roman noch nicht gelesen haben! Romanisches Seminar Beachten Sie, dass Sie diesen Kurs nach den Prüfungsordnungen ab 2011 nicht besuchen dürfen, wenn Sie die für dieses Modulelement laut Fachspezifischen Bestimmungen und Modulhandbuch notwendigen Voraussetzungen noch nicht erfüllen. Studienleistung: regelmäßige und aktive Teilnahme, Präsentation Prüfungsleistung: zusätzlich eine Hausarbeit (12-15 S.), Abgabefrist: 15.08.2014 Universität Siegen SoSe 2014 Dr. Mandler Sabine