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14. März 2017Mutter Tochter Beziehungen in Kultur und Literatur der Moderne 18 21 Jh
Während Sigmund Freud, der Entdecker des Ödipuskomplexes, das
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Jetzt Lernplan erstellenWährend Sigmund Freud, der Entdecker des Ödipuskomplexes, das 'Rätsel Weiblichkeit' in der -präödipalen Mutterbindung des kleinen Mädchens- (1931, 274) verankerte, die er mit der -minoisch-mykenischen- (276) Vorzeit der griechischen Kultur verglich, erscheint Mutterliebe diskurshistorisch inzwischen als eine Erfindung der bürgerlichen Gesellschaft (Badinter 1980). Obwohl man in systematischer Hinsicht zwischen biologischer Mutterschaft, kulturellen Normen und sozialen Funktionen der Mutterrolle zu unterscheiden hätte, bleibt die das Individuum prägende psychische Dimension der Mütterlichkeit noch weitgehend im Dunkeln. Ist die Mutter (oder ihr Ersatz) der erste Andere, der das Subjekt in die Sprache einführt, bedarf es der Abtrennung von ihr, d.h. des symbolischen 'Muttermords' (Julia Kristeva 1976 ff.), um zum Modus der Sublimation, d.h. der Ablenkung sexueller Triebe auf zivilisatorische Ziele zu gelangen. Was bedeutet die Position der Mutter unter dem 'väterlichen Gesetz' (Jacques Lacan) einer patriarchalischen Geschlechterordnung? Während Hannah Arendt dem 'Sein zum Tode' (Heidegger 1927) die 'Gebürtigkeit' des Menschen entgegen hielt, verwies die feministische Denkerin Luce Irigaray (1974 ff.) darauf, dass die Beziehungen zwischen Frauen, gerade aufgrund ihres Ausschlusses aus dem Kulturprozess, überhaupt noch keine eigene Sprache (und Symbolik usw.) gefunden hätten.
Im Zentrum des Interesses steht ein asymmetrisches Mutter-Tochter-Verhältnis, das bereits in der antiken Mythologie (Prosepina/Demeter; Klytämnestra/Elektra) auftaucht und in Sophokles' Tragödie Elektra eine Zeitenwende markiert. Nachdem die 'filiale Passion' in der Frühmoderne nur selten Spuren hinterließ, so bei den dichtendenden Dames des Roches oder in den leidenschaftlichen Briefen der Madame de Sévigné an ihre entfernt verheiratete Tochter, waren die allein erziehenden Witwen in der Typenkomödie der Aufklärung (Lessing) schädliche Rabenmütter, bevor sie als 'Hausmütter' im 'bürgerlichen Trauerspiel' ganz von der Bühne traten (z.B. in Schillers Kabale und Liebe). Nachdem gelehrte Autorinnen die Ehe bereits um 1700 in Einzelfällen strikt abgelehnt hatten, begannen emanzipierte Schriftstellerinnen im Zuge der Französischen Revolution (1789) und im Umkreis der deutschen Frühromantik Mutterschaft kritisch zu reflektieren, so etwa die Journalistin Therese Huber, verwitwete Forster, in ihrem Romanwerk (z.B. Luise, um 1800). In dem Maße, wie sich die traditionelle Spaltung der Weiblichkeit (Hexe/Heilige) in die grundlegende Ambivalenz moderner Mütterlichkeit übersetzt, schweben Mutter-Tochter-Beziehungen zwischen Idylle (Colette, Else Lasker-Schüler) und Konflikt (Franziska von Reventlow, Fontanes Effi Briest). Im Seminar soll der literarischen Inszenierung dieser komplexen Verbindungen - aus mütterlicher wie aus töchterlicher Sicht - an verschiedenen Beispielen nachgegangen werden. Neben einer Fülle von Muttergedichten (Annette von Droste-Hülshoff, Rose Ausländer, Nelly Sachs, Anne Sexton usw.) ist an fiktionale wie (auto-) biographische Prosa von Frauen über Liebe und Kampf zwischen Müttern und Töchtern der (Post-) Moderne (Annemarie Schwarzenbach, Gabriele Wohmann, Karin Struck, Verena Stefan, Elfriede Jelinek, Zoe Jenny, Helene Hegemann, usw.) gedacht. - Teilnahmevoraussetzung ist die Bereitschaft zu ausgiebiger Lektüre und der Übernahme eines Referats.
Primärliteratur (Auswahl )
Huber, Therese: Luise. Ein Beitrag zur Geschichte der Konvenienz. Mit einem Nachwort von Magdalene Heuser. In: Romane und Erzählungen. Hildesheim u.a.: Georg Olms Verlag 1991
Droste-Hülshoff, Annette von: Berta. Ledwina. Hg. u. mit einem Nachwort versehen von Ursula Naumann. Ffm./Berlin 1991; dies.: Gedichte. Hg. v. B. Plachta/W. Woesler. Ffm. ²1998 (-Die junge Mutter-)
Reventlow, Franziska von: Ellen Olestjerne (1925). In: Gesammelte Werke, S. 504-704
Lasker-Schüler, Else: -Chronika- u. andere 'Muttergedichte'. In: Sämtliche Gedichte. Hg. v. Karl Jürgen Skodzki. Ffm.: Jüdischer Vlg. 1994 (auch im Internet abrufbar)
Schwarzenbach, Annemarie: Lyrische Novelle. Mit einem Essay v. Roger Perret.Basel:Lenos Vlg. 1988 Schwarzenbach, Alexis: -'Der Anfang aller Dinge'. Annemarie Schwarzenbach u. ihre Mutter Renée Schwarzenbach-Wille-. In: Walter Fähnders/Sabine Rohlf (Hg.), A. Schw. Analysen und Erstdrucke. Bielefeld: Aisthesis 2005, 21-45
Ausländer, Rose: Brief aus Rosen. Gedichte. Fischer 2004, 5.Aufl., S. 174, 179, 204; dies.: Wir ziehen mit den dunklen Flüssen. Gedichte. Fischer 1993, S. 17,52, 140, 149; dies.: Mutterland. Gedichte. Fischer ²1988, S. 17f., 56f., 75, 86 (z.T. elektronisch abrufbar)
Mutterland Wort. Rose Ausländer 1901-1988. Hg. v. Helmut Braun. Düsseldorf 1996
Sachs, Nelly: -Elegien auf den Tod meiner Mutter-. In: Fenner, Anna Magdalena: -Alles weißt du unendlich nun-. Die Elegien auf den Tod meiner Mutter von Nelly Sachs. Marburg: Tectum 2009, 26-49
Struck, Karin: Die Mutter. Suhrkamp ²1975
Heinrich, Jutta: Das Geschlecht der Gedanken. Roman. München: frauenoffensive 1977
Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. Roman. Rowohlt 1983
Jenny, Zoe: Das Blütenstaubzimmer. Frankfurter Verlagsanstalt 1997
'Unsere Mütter'. Konkursbuch, H. 132 (1998)
Hegemann, Helene: Axolotl Roadkill. Berlin: Ullstein 2010
Sekundärliteratur
Esmat, Christine: -Mutter-los. Die Marginalisierung der Mutter als konstitutives Moment in der Philosophie und im Drama des 18.Jhs.-. In: Christine Kanz (Hg.), Gegenwelten. Zur Geschlechterdifferenz in den Kulturwissenschaften. Fußnoten zur Litertur, 42 (1997), 54-71
Kim-Park, Hee-Kuyung: Mutter-Tochter-Beziehungen in den Romanen von Frauen im ausgehenden 18. Jahrhundert. Königstein/Ts.: Ulrike Helmer Vlg. 2000
Müller, Heidy: Töchter und Mütter in deutschsprachiger Erzählprosa von 1885 bis 1935. München 1991
Dernedde, Renate: Mutterschatten - Schattenmütter. Muttergestalten u. Mutter-Tochter-Beziehungen in deutschsprachiger Prosa. Ffm. 1994
Roebling, Irmgard/Mauser, Wolfram (Hg.): Mutter u. Mütterlichkeit. Wandel u. Wirksamkeit einer Phantasie in der deutschen Literatur. Königshausen & Neumann 1996
Kraft, Helga/Liebs, Elke (Hg.): Mütter - Töchter - Frauen. Weiblichkeitsbilder in der Literatur. Metzler 1993
Badinter, Elisabeth: Die Mutterliebe. Geschichte eines Gefühls vom 17.Jh. bis heute (1980). dtv 1983
Vinken, Barbara: Die deutsche Mutter. Der lange Schatten eines Mythos. München/Zürich: Piper 2001
Günter, Andrea: Weltliebe. Gebürtigkeit, Geschlechterdifferenz und Metaphysik. U. Helmer Vlg. 2003
Germanistik - Neuere deutsche und Allgemeine Literaturwissenschaft I
Universität Siegen
SoSe 2013
apl. Prof. Dr.
Runte Annette