Uni-Siegen
14. März 2017Öffentliche Kommunikation und Macht
Unter -öffentlicher Kommunikation- versteht man meist die Gesamtheit der Medientexte, die unter spezifischen Bedingungen der Konkurrenz um knappe Aufmerksamkeit an eine vielfältige Rezipientengruppe adressiert werden. Ein Gespräch auf dem Marktplatz ist keine öffentliche Kommunikation, auch wenn jemand zuhört. -Öffentlich- heißt:...
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Jetzt Lernplan erstellenUnter -öffentlicher Kommunikation- versteht man meist die Gesamtheit der Medientexte, die unter spezifischen Bedingungen der Konkurrenz um knappe Aufmerksamkeit an eine vielfältige Rezipientengruppe adressiert werden. Ein Gespräch auf dem Marktplatz ist keine öffentliche Kommunikation, auch wenn jemand zuhört. -Öffentlich- heißt: prinzipiell kann jeder sich einschalten. In der Regel handelt es sich jedoch um massenmediale Einwegkommunikation, und in der Regel soll der Rezipient nicht -antworten-, sondern informiert oder gelenkt oder beeinflusst oder unterhalten werden. Selbstverständlich können auch andere Kommunikationen für die öffentliche Kommunikation genutzt oder inszeniert werden (Interview, Talkshow, Rundfunksendung mit Anrufern etc.). Unter den Bedingungen selektiver massenmedialer Aufmerksamkeit geraten auch andere Formen der Kommunikation oft zu Inszenierungen für die öffentliche: Ein Profi weiß, was er sagen muss, um damit in die Tagesschau zu kommen. Der Redner im Bundestag, der die anderen Parlamentarier anspricht, aber eigentlich auf das Fernsehpublikum zielt, der Teilnehmer einer Talkshow, der vorgibt, mit den anderen Teilnehmern zu sprechen, aber ebenfalls auf das Fernsehpublikum zielt etc.
-Macht- manifestiert sich in den Produkten der öffentlichen Kommunikation vor allem als Meinungs- und Deutungsmacht. Was wir über die Welt wissen, wissen wir aus den Massenmedien, schreibt Luhmann (2004). Wahlkämpfe werden in den Medien gewonnen und verloren. Nur unter sehr ungewöhnlichen Bedingungen können Deutungsmuster und Interessen sich öffentlich Geltung verschaffen, wenn sie nicht massiv in den Massenmedien artikuliert werden. Die Bausteine unseres Welt- und Gesellschaftsbildes werden nach den Regeln des -journalistischen Feldes- (Bourdieu 1998) erzeugt. Was bedeutet das? Getrieben von der Konkurrenz um Marktanteile und Einschaltquoten favorisieren die Massenmedien Themen, die ein möglichst breites Publikum erreichen, und Deutungen, die möglichst breite Zustimmung finden. Daher bestätigen und verstärken sie permanent die Haltungen, die sie selbst erzeugt haben. Sie bringen das -Neue-, was die -alten- Muster bedient und bestätigt. In dem Maße, wie es für Politiker, Wissenschaftler, Künstler, Verbände auch in ihrem Feld immer wichtiger wird, wie sie im journalistischen Feld repräsentiert sind, agieren sie schon im Hinblick darauf, was die Medien berichten. Die werden dadurch tatsächlich zur -vierten Gewalt-.
Veranstaltungsplan
1. Einführung und Überblick
2. Marktmacht – Meinungsmacht – institutionelle Macht: Definitionen des Machtbegriffs (Sofsky & Paris, S. 9-20)
3. Massenmedien und Meinungsmacht (Luhmann, S. 9-23)
4. Über das Fernsehen (Bourdieu 1998: 55-96)
5. Methode und Vorgehen in der Diskursanalyse (Keller, S. 79-92)
6. Fahnenwörter: -Globalisierung- (Bröckling et al. 2004: 9-16 und 105-110)
7. Textanalyse I: Aktueller Leitkommentar zur -Globalisierung-
8. Textanalyse II: Hochschulpolitik (-Exzellenz-, -Elite-, -Wettbewerb-)
9. Textanalyse III: -Sicherheit- und -Prävention-
10. Einigkeitsdiskurse I: -Globalisierung- (Karasek 2007)
11. Einigkeitsdiskurse II: Bundespräsidentenreden
12. Einigkeitsdiskurse III: Soziale Ordnung und soziale Krise in den Medien (Kreft 2001)
13. Einigkeitsdiskurse IV: Fußball als Realitätsmodell (Knobloch 2007)
Material
Für diese Veranstaltung gibt es einen Reader, der die theoretischen Texte umfasst sowie eine Reihe von Materialien, die analysiert werden sollen.
Literatur
Bourdieu, Pierre (1998): Über das Fernsehen. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Bröckling, Ulrich et al., eds. (2004): Glossar der Gegenwart. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Fairclough, Norman (2003): Analysing Discourse. Textual analysis for social research. London: Routledge.
Gerhard, Ute & Link, Jürgen & Schulte-Holtey, Ernst, eds. (2001): Infografiken, Medien, Normalisierung. Zur Kartografie politisch-sozialer Landschaften. Heidelberg: Synchron.
Gerhards, J. & Neidhardt, F. & Rucht, D. (1998): Zwischen Palaver und Diskurs. Strukturen öffentlicher Meinungsbildung am Beispiel der deutschen Diskussion zur Abtreibung. Opladen: Westdeutscher Verlag.
Karasek, Tom (2007): -Herrschaft durch Konsensfiktionen: Die Globalisierungssemantik der FAZ-. In: Blätter für deutsche und internationale Politik, Heft 2/2007. S. 193-204.
Keller, Reiner (2004): Diskursforschung. Eine Einführung für SozialwissenschaftlerInnen. Wiesbaden: VS.
Knobloch, Clemens (1998): Moralisierung und Sachzwang. Politische Kommunikation in der Massendemokratie. Duisburg: DISS.
Knobloch, Clemens (2006): -Unverkrampft- – die globalisierte Fußballnation. In: DISS-Journal, Heft 15/2006. S. 1-20.
Kreft, Ursula (2000): -Soziale Ordnung und soziale Krise in deutschen Printmedien-. In: Gerhard, Link & Schulte-Holtey (2001)
Luhmann, Niklas (2004): Die Realität der Massenmedien. 3. Aufl. Wiesbaden: VS.
Sofsky, Wolfgang & Paris, Rainer (1994): Figurationen sozialer Macht. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Germanistik
Kreditpunkte
Die Veranstaltung schließt mit einer für alle Teilnehmer obligatorischen Klausur (2 KP). Wer mehr als 2 KP in der Veranstaltung erwerben möchte, der muss über die Klausur hinaus eine Zusatzleistung erbringen: Referat, kleinere Ausarbeitung/Textanalyse (5 KP im BA) bzw. etwas größere Ausarbeitung (4 KP im LA, 7 KP im BA).
Universität Siegen
SoSe 2010
Univ.-Prof. Dr.
Knobloch Clemens