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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Das Organismuskonzept in der Sprachwissenschaft des 19 Jahrhunderts

Die Auffassung von der Sprache als „organische Ganzheit“ ist charakteristisch für das frühe 19. Jahrhundert. So beschreibt A. W. Schlegel Sprache als „organisches Werkzeug des menschlichen Geistes“ und will damit darauf hinweisen, dass Sprache keine a-historische Struktur, sondern eine historische...

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Die Auffassung von der Sprache als „organische Ganzheit“ ist charakteristisch für das frühe 19. Jahrhundert. So beschreibt A. W. Schlegel Sprache als „organisches Werkzeug des menschlichen Geistes“ und will damit darauf hinweisen, dass Sprache keine a-historische Struktur, sondern eine historische Ausdrucksform des Menschen mit dynamischer Gestalt ist. Typisch für die Zeit sind Beschreibungen der Sprache mit botanisch-organischen Metaphern. In diesem Zusammenhang ist die Entwicklung der Geowissenschaften im 19. Jahrhundert eine ausgesprochen interessante Schnittstelle des wechselseitigen Erkenntnisinteresses von Sprachwissenschaft und Naturwissenschaft. Bei der Konstituierung des Organismuskonzeptes in der Sprachwissenschaft kommt der „Geschichte der deutschen Sprache“ von Jacob Grimm eine große Rolle zu. Unter dem Gesichtspunkt der so genannten „Urverwandtschaft“ der Sprachen – der Bezug auf Goethes Idee von der „Urpflanze“ ist evident – werden „organische Erscheinungen“ als Kriterien der Geschlossenheit und Übereinstimmung von Ursprachen behandelt. Die Fortentwicklung der Sprachen wird daher auch mit Attributen wie „rein“ oder „trüb“ - im Sinne einer Fortsetzung oder Abschleifung eines solchen „organischen Urzustandes“ - versehen. Das „Organismuskonzept“ ist dabei durchaus auch bezogen auf nationale Vorstellungen von einem ‚deutschen Organ' etc., sodass die kulturgeschichtliche Einbettung der Etablierung von Disziplinen offensichtlich wird. Von besonderem interdisziplinären Interesse ist hier die Vorstellung des Systemcharakters von „Organismen“. Entsprechungen und Varianten dieses sprachwissenschaftlichen Organismuskonzeptes finden sich bei Franz Bopp, der bereits 1816 Sprache als „Organismus“ versteht, dessen „naturhistorische Gesetze“ in einer „Naturbeschreibung“ darzulegen seien, und bei Wilhelm von Humboldt, der „Sprache als Organ des Denkens“ versteht. Im Seminar werden die einschlägigen sprachwissenschaftlichen und naturwissenschaftlichen Positionen der Organismusdebatte behandelt und darauf befragt, ob sie ein Substrat für neuere linguistische Erkenntnisinteressen darstellen. In diesem Zusammenhang sollen auch Reflexe des Organismuskonzeptes in anderen kulturellen Domänen reflektiert werden, dazu gehört unter anderem die Architektur des 19. Jahrhunderts. Die einschlägige Literatur wird in der ersten Seminarsitzung vorgestellt. FB 02 Institut für Germanistik Uni Kassel SS2006 apl. Prof. Warnke Ingo