Uni-Kassel
14. März 2017Seminar Der Sockel in der Kunst von der Antike bis zur Gegenwart
-Die wichtigste Aufgabe des Sockels ist die, das plastische Gebilde von der realen Welt zu trennen, es gegen die Wirklichkeit deutlich abzugrenzen und im wörtlichen Sinne aus ihr herauszuheben in eine höhere Daseins- und Wirkungssphäre.- (Wilhelm Waetzoldt, Einführung in die...
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Jetzt Lernplan erstellen-Die wichtigste Aufgabe des Sockels ist die, das plastische Gebilde von der realen Welt zu trennen, es gegen die Wirklichkeit deutlich abzugrenzen und im wörtlichen Sinne aus ihr herauszuheben in eine höhere Daseins- und Wirkungssphäre.- (Wilhelm Waetzoldt, Einführung in die bildenden Künste, Leipzig 1912)
Seit der Antike wurde dem Sockel eine ausschließlich dienende Funktion zugewiesen. Das -Fundament der Kunst- sollte den Betrachter auf Abstand halten, indem es das Kunstwerk in eine eigene Sphäre erhob. Über viele Epochen hinweg galt der Sockel in vielen Formen und Farben als tragendes Element bzw. monumentalisierendes Postament traditioneller Skulptur und Plastik. Buchstäblich auf den Sockel gehoben, gelangte der oder das Dargestellte zu neuer Macht und Würde. Eine der ältesten Bildformeln der Machtrepräsentation ist das Reiterdenkmal, das nicht von ungefähr in der Renaissance wiederentdeckt wird. Vice versa bezeugt auch der -Sockelsturz- als Angriff auf herrschende Machtverhältnisse die große symbolische Bedeutung des Sockels. Vor dem Hintergrund konservativer Restauration und nationalem Identitätsstreben wurde der Sockel im 19. Jahrhundert zu ungeahnter Größe gesteigert, die oft in gigantomanischen Nationaldenkmälern gipfelte. Mit dem Denkmalkult entsteht eine Formensprache der Verherrlichung, derer sich auch die Diktaturen des 20. Jahrhunderts bedienen. Mit dem Aufbruch in die Moderne um 1900 ändern sich die ästhetischen Forderungen nach Maß und Proportion. Es sind Bildhauer wie Auguste Rodin und Constantin Brancusi, die die Skulptur vom Sockel holen und auf Augenhöhe des Betrachters präsentieren. In der Folge eröffnen sich dem Unterbau der Kunst im 20. Jahrhundert völlig neue, überraschende Perspektiven. So entwickelt der Sockel bei Alberto Giacometti und Piero Manzoni eine erstaunliche Eigendynamik, wenn er zum integralen Bestandteil des Kunstwerks oder gleich selbst zum autonomen Kunstobjekt avanciert. Minimierung oder Überdimensionierung, ironische Paraphrase oder Verselbständigung als plastisches Element, Verzicht auf oder Verschmelzung des Objektes mit dem Sockel - der künstlerische Umgang mit dem Thema Sockel ist bis heute komplex und vielgestaltig.
Das Seminar geht der Funktion und Entwicklung des Bildhauersockels von den Anfängen bis zur unmittelbaren Gegenwart nach. Dabei zeigt sich, dass die Geschichte der modernen Skulptur eng mit der Geschichte der Befreiung vom Sockel verbunden ist, der paradoxerweise gleichzeitig an Bedeutung gewinnt. Ein Schwerpunkt liegt auf der Kunst der Moderne und der Gegenwart.
Kunsthochschule Kassel
Uni Kassel
SoSe 2011
Kunstwissenschaft
Dr.
Seegers Ulli