Zurück zum Vorlesungsverzeichnis
Uni-Dortmund
14. März 2017

Seminar Die vom Körper gelöste Stimme Telefon und Literatur

Kurzbeschreibung: Das Telefon ist ein technisches Medium zur Überwindung räumlicher Distanz in Echtzeit. Die -elektrische Augenblicksverbindung- (Aby Warburg) schickt, nach einer medienarchäologischen Formulierung von Carus Sterne aus dem Jahr 1877 -die menschliche Stimme auf Reisen-. Die Kopplung von Hör- und...

Erstelle deinen persönlichen Lernplan

Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.

Jetzt Lernplan erstellen
Kurzbeschreibung: Das Telefon ist ein technisches Medium zur Überwindung räumlicher Distanz in Echtzeit. Die -elektrische Augenblicksverbindung- (Aby Warburg) schickt, nach einer medienarchäologischen Formulierung von Carus Sterne aus dem Jahr 1877 -die menschliche Stimme auf Reisen-. Die Kopplung von Hör- und Sprechapparat ermöglicht qua elektroakustischer Verschaltung - in die Störmomente einfließen können - -fernmündliche- Realpräsenz bei gleichzeitig körperlicher Absenz unter den Gesprächsteilnehmern. Als -Synekdoche für Technik- (so die amerikanische Literaturwissenschaftlerin und Philosophin Avital Ronell) und vom Rauschen der Übertragung orchestriertes Medium virtueller Realität hat die stationäre Festnetz-Telefonie die kulturwissenschaftliche und diskursanalytische Debatte über die Technologie des Apparats und die damit verbundene kulturelle Praxis des Fern-Sprechens und Fern-Hörens bestimmt. Wir werden uns anhand exemplarischer kultur- und literaturwissenschaftlicher Texte sowie einer Auswahl von fiktionalen Telefondiskursen mit der Geschichte und der intermedialen Dimension der Telefonie auseinandersetzen. Wir werden uns mit der Frage beschäftigen, ob das Telefon vor dem Hintergrund seiner Digitalisierung und Mobilisierung als ein Medium der Re-Oralisierung von Kultur zu betrachten ist. Was fasziniert an der Stimme ohne Körper? Das Korpus der zu analysierenden Primärtexte reicht von Karl Valentins Solovortrag Telefon-Schmerzen (1902) und dessen dialogischer Fortschreibung Buchbinder Wanninger über Walter Benjamins Telefon-Reminiszenzen an die -Nachtgeräusche- der -Stimme, die in den Apparaten schlummerte- in seinen in den 1930er Jahren verfassten autobiographischen Notizen Berliner Kindheit um 1900, die Telefone und Telefonate im Werk Franz Kafkas (u. a. in der Erzählung Der Nachbar) und seines Herausgebers Max Brod (in Tagebuch in Versen, 1910) bis hin zu Texten der Gegenwartsliteratur im Zeichen mobiler Telefonie (u. a. in der Erzählung Handy (2006) von Ingo Schulze und Stimmen (2009) von Daniel Kehlmann). Lernziele: Befähigung zur kritischen Analyse der vorgestellten Theorietexte und literarischen Beispiele im Kontext literaturhistorischer und kulturwissenschaftlicher Diskurse über die Telefonie. Kompetenzen: Die Studierenden können die hier analysierten Texte in ihren Kontext einordnen und reflektieren und sie zu ihrem diskursiven Umfeld in Beziehung setzen; sie sind in der Lage, sich einen solchen Kontext mit wissenschaftlichen Hilfsmitteln selbständig zu erschließen. Teilnahmemodalitäten / Voraussetzungen: Die aktive Teilnahme setzt Bereitschaft zur Übernahme von Sitzungsprotokollen oder Impulsreferaten, bzw. Präsentationen (auch in Zweiergruppen) zu einzelnen Sitzungsthemen voraus. Modulprüfungsleistung (LABG 2009): Schriftliche Ausarbeitung eines Impulsreferates/einer Präsentation (8 Seiten = 1 LP, benotet) oder Schriftliche Hausarbeit (10 Seiten = 2 LP, benotet) Eignung für angewandte Studiengänge: Ist aufgrund der interdisziplinären Thematik des Seminarthemas gegeben. Weitere Hinweise: Ein detaillierter Seminarplan mit weiteren Literaturangaben wird in der ersten Sitzung vorgestellt. Texte und Materialien zu den einzelnen Sitzungsthemen werden im EWS bzw. in einem Seminarordner in der Emil-Figge-Bibliothek zur Verfügung gestellt. Literatur: Kirsten von Hagen, Telefonfiktionen. Spielformen fernmündlicher Kommunikation. Paderborn: Fink 2015. Ulla Autenrieth (Hg.) Dis Connecting Media: Technik, Praxis und Ästhetik des Telefons. Vom Festnetz zum Handy. Basel: Merian 2011. Matthias Thiele, Martin Stingelin (Hgg.), Portable Media. Schreibszenen in Bewegung zwischen Peripatetik und Mobiltelefon, München: Fink 2010. Stefan Münker, Alexander Roesler (Hgg.) Telefonbuch. Beiträge zu einer Kulturgeschichte des Telefons. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 2000 (=edition suhrkamp 2174). Rüdiger Campe, Pronto! Telefonate und Telefonstimmen. In: Friedrich A. Kittler, Manfred Schneider, Samuel Weber (Hgg.), Diskursanalysen 1, Opladen: Westdeutscher Verlag 1987, S. 68 - 93. Technische Universität Dortmund WiSe 2015/16 Institut für deutsche Sprache und Literatur Gronenborn Klaus