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Uni-Kassel
14. März 2017

Seminar Einführung in Wittgensteins Über Gewissheit Grundlinien und Anwendungen

Wittgenstein bietet einer langen philosophischen Tradition die Stirn, wenn er in den Aufzeichnungen, die mit dem Titel Über Gewißheit (1984) publiziert wurden, die Meinung vertritt, dass Wissen und Gewissheit zwei verschiedene Seelenzustände seien. Weiterhin behauptet er, dass Wissen und Gewissheit...

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Wittgenstein bietet einer langen philosophischen Tradition die Stirn, wenn er in den Aufzeichnungen, die mit dem Titel Über Gewißheit (1984) publiziert wurden, die Meinung vertritt, dass Wissen und Gewissheit zwei verschiedene Seelenzustände seien. Weiterhin behauptet er, dass Wissen und Gewissheit zu verschiedenen Kategorien gehören. Im Unterschied zum Wissen, das immer verlangt, dass man bereit ist, es durch zwingende Gründe auszuweisen, kann man Gewissheit als unbegründet betrachten. Im Rahmen von Gewissheit sind Zweifel fehl am Platz, weil es keine Gründe für sie gibt. Von diesem Gedanken ging Wittgenstein aus, als er eine scharfsinnige Kritik von George E. Moores Widerlegung des Skeptizismus bezüglich der Existenz von physischen Gegenständen durchführte. Moore behandelte seine Sätze der Art -Ich weiss mit Sicherheit, dass p- als Erfahrungssätze, deren Zweifellosigkeit er zu beweisen versuchte, währed Wittgenstein voraussetzte, dass diese Sätze unzweifelhaft seien. Seiner Meinung nach sind diese Sätze aber unzweifelhat nicht etwa aufgrund etwas Inhärenten, das ihnen ihren logischen Status verleiht, sondern weil wir diese Sätze einfach als gewiss behandeln. Wittgenstein stiftet uns also durch seine Beschreibungen der Anwendung der Sprache an, unsere Perspektive zu verändern, so dass wir bemerken, dass unsere Gewissheiten nicht in dem reinen und kristallklaren Tiefgang der traditionellen Logik verankert sind. Stattdessen liegen einfach unbegründete Handlungsweisen am Grunde unserer Sprachspiele. Gemäß verschiedenen Interpreten ermöglicht es Über Gewißheit, sich auf einen -dritten Wittgenstein- -- im Unterschied zum -ersten- des Tractatus und dem -zweiten- in den Philosophischen Untersuchungen -- zu beziehen (vgl. Stroll 2002, S. 3; Moyal-Sharrock 2004). Tatsächlich wurde in der Literatur auch die These vertreten, dass Über Gewißheit den wichtigsten Beitrag zur Erkenntnistheorie seit Kants Kritik der reinen Vernunft darstelle (vgl. Stroll 2005, S. 33). In Form einer gemeinsamen Textlektüre wird die Lehrveranstaltung zunächst versuchen, Hauptfragen und Grundlinien von Wittgensteins Über Gewißheit -- z.B. die Kritik von Moores Widerlegung des Skeptizismus; den Unterschied nicht nur zwischen objektiver und subjektiver Gewissheit, sondern auch zwischen Gewissheit und Wissen; die Bedingungen des sinnvollen Zweifels; wie Kinder sprechen lernen, usw. -- herauszuarbeiten und die entsprechenden Themen zur gemeinsamen Diskussion zu stellen. Um die Hauptideen des Textes auf die Probe zu stellen, werden sie in den letzten Sitzungen auf begriffliche Verwirrungen der Neurowissenschaft, der Psychopathologie, und der Epistemologie des dialogischen Denkens angewandt. Moyal-Sharrock, D. (Hg.) (2004): The Third Wittgenstein. The Post-Investigations Works. Hampshire: Ashgate. Stroll, A. (2002): Wittgenstein. Oxford: Oneworld. Stroll, A. (2005): -Why On Certainty Matters-. In Moyal-Sharrock, D. und Brenner, W. H. (Hg.): Readings of Wittgenstein’s On Certainty. Hampshire & New York: Palgrave Macmillan, S. 33-46. Wittgenstein, L. (1984): Über Gewißheit (Werkausgabe, Bd. 8). Frankfurt am Main: Suhrkamp, S. 113-258. FB 02 Institut für Philosophie Uni Kassel SoSe 2012 Philosophie HF Philosophie Ariso José Maria