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14. März 2017Seminar Honoré de Balzac La Comédie humaine Zum Erzählen in Entgrenzung V2
Nicht erst anlässlich der kürzlich von Melanie Walz besorgten Neuübersetzung der -Illusions perdues- wurde auch hierzulande wieder ein breiteres Publikum angesprochen, sich von der Aktualität der Schriften Honoré de Balzacs (1799-1850) zu überzeugen. Das fulminante Großprojekt der Comédie humaine (1829-1850),...
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Jetzt Lernplan erstellenNicht erst anlässlich der kürzlich von Melanie Walz besorgten Neuübersetzung der -Illusions perdues- wurde auch hierzulande wieder ein breiteres Publikum angesprochen, sich von der Aktualität der Schriften Honoré de Balzacs (1799-1850) zu überzeugen. Das fulminante Großprojekt der Comédie humaine (1829-1850), die mit über neunzig Erzählungen, Novellen, Romanen und Essays ausgestattet in ihrer überwältigenden Gesamtheit als Nachdichtung der französischen Gesellschaft zwischen Revolution und Restauration konzipiert ist, tauchte bereits im Zuge der omnipräsenten ökonomischen Debatten der letzten Jahre wieder verstärkt auf dem literarischen Radar auf. Joseph Vogl etwa lässt im Laufe seiner kulturwissenschaftlichen Beobachtungen zum -Gespenst des Kapitals- (2010) neben anderen Texten auch Balzacs -Gobseck- und -La Maison Nucingen- als epistemologischen Horizont zu Wort kommen. Noch schwerer wiegt eine solche literarische Anwaltschaft bei Thomas Piketty, jenem schnurstracks zum Säulenheiligen aller Finanzmarktkritiker avancierten Wirtschaftswissenschaftler, der in seinem reichlich diskutierten Bestseller -Das Kapital im 21. Jahrhundert- (2013) den extravaganten Pariser Romancier zum ergiebigen belletristischen Kronzeugen befördert. Die geldwirtschaftlichen und politisch ökonomischen Erwägungen gehören gewiss zu den eindringlichsten Themen der Comédie humaine und stellen indes doch nur eine von vielen Facetten in Balzacs soziohistorischer Daguerreotypie dar.
Im -Avant-Propos de la Comédie humaine- spricht der Verfasser entsprechend davon, die -ganze Gesellschaft- zu kopieren, -die zwei- oder dreitausend markanten Gestalten einer Zeit zu schildern; denn diese Summe von Typen enthält schließlich jede Generation, und auch die ,Menschliche Komödie‘ wird sie umfassen-. Tatsächlich offenbart sich zuallererst in dieser Form quantitativer Entgrenzung – dem großen Personal, dem universalen Repräsentationsanspruch, der massiven Intratextualität oder den exzessiven Erzähltechniken – die strukturelle Arbeit der Comédie. Von dieser Beobachtung ausgehend ist der wesentliche literaturhistorische und gattungspoetologische Innovationsgehalt der Romanserie sowie die ihr eigene Vielseitigkeit literarischer Verfahren zu akzentuieren.
Anhand der Lektüre ausgewählter Auszüge der Comédie humaine, die das heterogene Repertoire möglichst gründlich abbilden sollen, wird in den Seminardiskussionen der ästhetische Status des Erzählzyklus inspiziert und die literaturwissenschaftliche Anschlussfähigkeit des Unterfangens besprochen. Die ihrerseits mannigfaltigen Fäden der Balzac-Rezeption (Theodor W. Adorno, Roland Barthes, Samuel Weber u.a.) gewähren uns dafür theoretische Grundlagen.
Die Lektüre Balzacs im Original ist für die Teilnahme nicht verpflichtend, soll aber zugunsten einer akkuraten Textschau in unsere Diskussionen einbezogen werden. Französischkenntnisse sind daher von Vorteil.
Die zu lesenden Texte werden zum Vorlesungsbeginn bereitgestellt, wobei ggf. anzuschaffende Ausgaben in der ersten Sitzung mitgeteilt werden.
Literaturhinweise:
Pierre Barbéris: Le monde de Balzac. Paris: Arthaud 1973.
Jacques Dubois: Les romanciers du réel: de Balzac à Simenon. Paris: Éditions du Seuil 2000.
Ernst Robert Curtius: Balzac. Bonn: Cohen 1923.
Hugo Friedrich: Drei Klassiker des französischen Romans. Stendhal, Balzac, Flaubert. Frankfurt a.M.: Klostermann 1980.
Hans Ulrich Gumbrecht, Karlheinz Stierle und Rainer Warning (Hrsg.): Honoré de Balzac. München: Fink 1980.
Erwartet wird regelmäßige Anwesenheit und aktive Mitarbeit sowie die Bereitschaft, die Mitverantwortung für eine Sitzung zu übernehmen.
ECTS:
BA HF: 6 ECTS (Hausarbeit oder Essays bzw. Referat, benotet)
MA HF: 6 ECTS (Essays oder Referat, unbenotet)
SLK:3 ECTS (keine Hausarbeit, benotet), 6 ECTS (Hausarbeit, benotet)
MA NF: 6 ECTS (Essays oder Referat, unbenotet)
Erfolgreich absolvierter Einführungskurs der Allgemeinen und Vergleichenden Literaturwissenschaft oder Einführungskurs einer anderen Philologie.
Wenn Sie eine Hausarbeit im Nebenfach SLK schreiben möchten, sprechen Sie bitte vorab mit der Studiengangskoordination SLK!
B.A.-Nebenfach SLK:
Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Begleitkurs zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.14/16/18/20). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Thesenpapier (3.000-6.000 Zeichen) oder Übungsaufgaben (3.000-6.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten.
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