Uni-Dortmund
14. März 2017Seminar Knechtschaft im Geiste das Projekt der Aufklärung im Drama
Der Diskurs der Aufklärung spiegelt sich in der Entwicklung der deutschen Dramatik. Typischerweise treten im Drama unterschiedliche Charaktere, gegenläufige Interessen und Motivationen in die dialogische Auseinandersetzung. Pointiert gefasst: Im Drama verhandelt die Gesellschaft sich selbst. Fokussiert man auf die Kontroversen,...
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Jetzt Lernplan erstellenDer Diskurs der Aufklärung spiegelt sich in der Entwicklung der deutschen Dramatik. Typischerweise treten im Drama unterschiedliche Charaktere, gegenläufige Interessen und Motivationen in die dialogische Auseinandersetzung. Pointiert gefasst: Im Drama verhandelt die Gesellschaft sich selbst.
Fokussiert man auf die Kontroversen, Konfliktlagen, Handlungsweisen und Argumentationsmuster im Drama, lässt sich ein differenziertes Bild der Aneignung und des Umgangs mit aufklärerischem Denken entwickeln.
Doch was ist Aufklärung überhaupt? Die Rede von DER Aufklärung suggeriert eine gedankliche Homogenität, eine abgrenzbare Bewegung, die es nie gab. Von Anfang an war man sich einig, dass man sich uneinig war. Grundsätzlich ist der Begriff Aufklärung jedoch positiv besetzt. Die Aufklärung klärt den Menschen über sich selbst und die Welt auf, soweit die weitverbreitete Programmatik, die Losung. Die Aufklärung steht für den Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit (so Kants vielzitierte Wendung). Das Wissen, der Verstand und die Vernunft verbinden sich eng mit dem Aufklärungsbegriff. Dergestalt mag - nicht nur im Drama - der Weg zur vernünftigen, wahren und somit -richtigen- Lösung auffindbar und vielleicht sogar kurz erscheinen, gäbe es nicht die subversive Perspektivenabhängigkeit des Denkens. Zahlreiche Dramen setzen im dramatischen Konflikt den perspektivengebundenen Antagonismus der Akteure in Szene. Die Identifikation mit einer Weltanschauung , einem Ideengebäude, grundiert und nährt dabei den Konflikt der Figuren. Am Ende entscheidet die Perspektive, was den Aufklärer vom Gegenaufklärer unterscheidet.
Lessings Dramatisierung des Verhältnisses von Vernunft und Glaube in -Nathan der Weise- bietet eine gedankenreiche Auseinandersetzung mit Positionen und Perspektiven aufklärerischen Denkens. Erkennbar geht es Lessing darum, den Zuschauer/Leser anzuregen, diese Perspektiven und Positionen kritisch zu durchdenken. Gerade der Verzicht auf die schulmeisterliche, dogmatische Belehrung nimmt die Programmatik der Aufklärung ernst, statt platter Indoktrination die Ermächtigung zur differenzierten Selbstreflexion. Auch die anderen Stücke des Seminars bieten eine vielschichtige Reflexion des -Projekts- der Aufklärung.
Das Seminar setzt sich vor allem zwei Ziele: Zum einen sollen die TeilnehmerInnen einen kleinen Einblick in die moderne Aufklärungsforschung gewinnen und zum anderen in exemplarischen Textanalysen den gedanklichen Transfer ausgewählter Forschungsergebnisse erproben (Kernfrage hierbei: Welche Rolle spielt das aufklärerische Denken in den untersuchten Dramen?).
Vorgesehene Seminartexte
Lessing: Nathan der Weise
Schiller: Wilhelm Tell
Büchner: Woyzeck
Brecht: Leben des Galilei
Aufklärungsforschung: Textauszüge (EWS)
Technische Universität Dortmund
SoSe 2013
Institut für deutsche Sprache und Literatur
Bangert Arno