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Uni-Siegen
14. März 2017

Spanische Todesarten

Der Titel unseres Seminars, -Spanische Todesarten-, ist zweifellos nicht von sich aus verständlich und bedarf einer näheren Erklärung (auch die Tatsache, dass er auf Ingeborg Bachmanns unvollendeten Prosazyklus -Todesarten- anspielt, hilft nicht wirklich weiter). Um Klarheit zu schaffen, hätte es...

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Der Titel unseres Seminars, -Spanische Todesarten-, ist zweifellos nicht von sich aus verständlich und bedarf einer näheren Erklärung (auch die Tatsache, dass er auf Ingeborg Bachmanns unvollendeten Prosazyklus -Todesarten- anspielt, hilft nicht wirklich weiter). Um Klarheit zu schaffen, hätte es eigentlich einen Untertitel gebraucht. Dieser müsste so lauten -Eine Kultur- und Mediengeschichte der garrote vil-. Die garrote vil, der, so wörtlich, ‚schändliche/niederträchtige Stock‘, auch ‚Würgeisen‘, ‚Würgschraube‘ oder ‚spanische Garrotte‘ genannt, ist eine Hinrichtungsmethode, die vor allem in Spanien, aber auch in anderen Ländern zur Vollstreckung der Todesstrafe herangezogen wurde. Nun wirkt dieses Thema auf den ersten Blick aber nicht nur makaber, sondern auch recht abseitig. Bei genauerem Hinsehen, wird man jedoch schnell feststellen, dass es sich dabei um ein kultur- und mediengeschichtlich höchst aufschlussreiches ‚Kollektivsymbol‘ handelt, in dem sich ganz unterschiedliche Diskurse kreuzen, insofern diese spezielle Hinrichtungsart immer wieder in den Fokus des philosophischen, juristischen, politischen und vor allem auch des Interesses von Schriftstellern, Malern und Filmregisseuren rückte. Wir werden daher die Beschäftigung mit der garrote vil einbetten in die Rekonstruktion der höchst aufschlussreichen Geschichte der Diskussion um die Todesstrafe, die in Spanien zum letzten Mal 1974 vollstreckt und 1978 endgültig abgeschafft wurde. Diese Diskussion entflammte im Zeitalter der Aufklärung unter dem Einfluss des auch in Spanien stark rezipierten Werk des Italienischen Rechtsphilosophen Cesare Beccaria Dei delitti e delle pene (Von den Verbrechen und von den Strafen, 1764). In Spanien gewinnt diese Diskussion, und das macht sie besonders interessant, eine Dimension, die sie von anderen Ländern unterscheidet. Das hängt damit zusammen, dass die Verhängung der Todesstrafe in Spanien und die spezifischen Formen ihrer Vollstreckung, von den Spaniern selbst, aber vor allem auch durch das Ausland immer wieder als Teil der spanischen kulturellen Identität aufgefasst wurden. Ihren am deutlichsten negativen Ausdruck hat dieser Umstand in der sogenannten leyenda negra, der ‚Schwarzen Legende‘, gefunden, in der Spanien, nicht zuletzt durch das Wüten der Inquisition bedingt, ein besonderer – barbarischer, zivilisationsfremder – Hang zur Grausamkeit unterstellt wurde. Abgesehen von den historischen Fakten und der öffentlichen Debatte um die Todesstrafe vom 18. bis ins 20. Jahrhundert, werden wir uns insbesondere auch mit einer Reihe der von diesen Fragestellungen affizierten künstlerischen Zeugnisse beschäftigen. Im Bereich der Literatur gehören dazu unter anderem das aufklärerische Prosadrama El delincuente honrado (1774) von Gaspar Melchor de Jovellanos und der Kurzroman La familia de Pascual Duarte (1942) des Nobelpreisträgers Camilo José Cela – beides Klassiker der spanischen Literatur. Was die bildende Kunst angeht, wird eine Auseinandersetzung mit Goyas Radierungen unumgänglich sein. Im Hinblick auf den Film bieten sich gleich mehrere herausragende Beispiele an: Luis Berlanga schwarze Komödie El verdugo (1963), Basilio Martín Patinos auch heute noch faszinierende Dokumentation Queridísimos verdugos (1973), Ricardo Francos unmittelbar in die Phase der Transición fallende gleichnamige Verfilmung von Celas Romans Pascual Duarte (1976) sowie der historisch höchste informative Spielfilm Salvador (2006) von Manuel Huerga und der Dokumentarfilm La muerte de nadie – el enigma Heinz Ches (2004) von Joan Dolç über die letzte in Spanien vollzogene Hinrichtung. Was es nicht zuletzt für uns als Betrachter bedeutet, sich mit einer derartigen Thematik zu befassen, wollen wir anhand der Diskussion von Susan Sontags Essay Regarding the Pain of Others (Das Leiden anderer betrachten, 2003) klären. Bitte beschaffen Sie sich und lesen Sie die beiden unter den Teilnahmevoraussetzungen genannten Texte. Das Stück von Jovellanos ist in mehreren Ausgaben im Buchhandel oder als elektronischer Text in verschiedenen Versionen im Netz frei verfügbar (z.B. unter www.cervantesvirtual.com). Die Beschaffung des Romans von Cela kann u.U. Schwierigkeiten bereiten. Ab sofort steht daher auch eine Kopiervorlage an meiner Bürotüre zur Verfügung (AR-K 105). Eine elektronische Version kann auf Moodle (Scan) heruntergeladen werden. Romanistik - Französische und spanische Literaturwissenschaft Teilnahmevoraussetzungen: Regelmäßige Anwesenheit (Anwesenheitspflicht!), ausreichende Spanischkenntnisse sowie die abgeschlossene Lektüre des Theaterstücks El delincuente honrado von Gaspar Melchor de Jovellanos und des (kurzen) Romans La familia de Pascual Duarte von Camilo José Cela. Für 2/3 (Studienleistung) KP: Referat (Vortrag, Präsentation, Thesenblatt) einzeln oder, je nach Teilnehmerzahl, in der Gruppe; für 3 (Prüfungsleistung)/5/7 KP: zusätzlich längere schriftliche Arbeit. Universität Siegen WiSe 2013/14 Univ.-Prof. Dr. von Tschilschke Christian