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Uni-München
14. März 2017

Tutorium Wer ist schuld an der Misere Zur Aktualität Jean Paul Sartres studentische Lektüregruppe

Jean-Paul Sartre – wie vermutlich der gesamte französische Existentialismus – gilt vielen in philosophischer wie auch gesellschaftstheoretischer Hinsicht als

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Jean-Paul Sartre – wie vermutlich der gesamte französische Existentialismus – gilt vielen in philosophischer wie auch gesellschaftstheoretischer Hinsicht als 'toter Hund', dessen Dramen vielleicht noch über schwere Phasen in der Pubertät helfen können oder sich für Schultheaterinszenierungen eignen – akademisch scheint er als kaum noch aktualisierbar wahrgenommen zu werden. Ein Blick in das Vorlesungsverzeichnis offenbart schnell, dass eine Rezeption vor Ort weitgehend ausgestorben ist. Für allzu problematisch wird aus verschiedenen Richtungen heraus wahlweise sein Subjektbegriff, sein politisches Engagement, die Vorstellung von Intersubjektivitat oder auch dessen existentialistische Ontologie als solche beurteilt. Poststrukturalismus, Kritische Theorie und andere Denkbewegungen scheinen auf gegenwartige Fragestellungen bessere Antworten zu geben. In den vergangenen Jahren keimen gegenüber diesen Urteilen überraschenderweise erneut erste Einspruche auf: So schrieb Manfred Dahlmann jüngst, dass -diese Position der sachlichen Begründung entbehrt und nur darauf beruhen kann, sich mit Sartre nicht wirklich auseinandergesetzt zu haben.- Genau diese Auseinandersetzung möchte das hier vorgeschlagene Tutorium leisten, da Gesellschaftsanalyse wie -kritik stets auf ein Subjekt angewiesen bleibt, welches als dem Zwang des Kritikgegenstandes nicht vollständig unterworfen gedacht werden darf. Andernfalls bliebe deren Gelingen bereits a priori vereitelt. Die Freiheit eines solchen Subjekts scheint jedoch weder bei Adorno, Foucault et. al. eine derart leistungsfähige Ausformulierung zu erhalten, weshalb die Bedingung der Möglichkeit der eingeforderten 'Befreiung' dort streckenweise in der Schwebe zu verbleiben scheint. Das mutet umso merkwürdiger an, als es doch in letzter Instanz stets das Subjekts selbst sein muss, das zur Schaffung und Fortbestand gesellschaftlicher Institutionen beitragt. Hier liegt der Ansatzpunkt, an den dieses Tutorium anhand ausgewählter Textstellen andocken möchte, um sich ergebnisoffen mit folgender Frage zu beschäftigen: Kann Sartre demgegenüber einen plausiblen Freiheits- und Subjektbegriff vorstellen, mittels dessen sich Gesellschaftskritik heute unterfuttern lasst? Vorgehen Durch gemeinsame Lektüre und Diskussion ausgewählter Stellen des Sartreschen Oeuvres vor allem in der Periode vor und nach der Veröffentlichung seines Hauptwerks Das Sein und das Nichts (1943) sollen dessen zentrale Begriffe rekonstruiert und auf ihre Anschlussfahigkeit hin befragt werden. Die Annäherung wird dabei voraussichtlich um die Termini von -Freiheit-, -Verantwortung-, -Antisemitismus-, -Existenz-, -Situation- und -Totalitat- zu kreisen haben. Keineswegs ist die hier vorgeschlagene Literaturliste als unveränderbar gesetzt, sondern kann selbstverstandlich durch weitere Texte – je nach Interesse der TeilnehmerInnen – ergänzt werden. Es wird versucht, durch präzise Auswahl die Textmenge möglichst gering zu halten, um den Vorbereitungsaufwand überschaubar zu halten. In einem einführenden Teil würde ich in jeder Einheit gerne selbst Kerngedanken des Textes referieren, sowie diese in ihren ideengeschichtlichen Kontext (in diesem Fall v.a. Hegel, Husserl und Heidegger) einordnen. Daran anschließend, scheint mir eine moderierte Diskussion der geeignete Weg zur gemeinsamen Erschließung der behandelten Abschnitte. Essentiell wichtig ist dabei, keine orthodoxe oder dogmatische Lesart zu propagieren, sondern Sartre mit kritischem Blick auf mögliche theoretische Leerstellen hin abzuklopfen. Auf diesem Weg soll eine differenzierte Stellungnahme erarbeitet werden, die dessen Denken gerecht wird und es aus der gegenwärtigen Versenkung hebt. Vorläufige Literaturliste • Dahlmann, Manfred (2013): Freiheit und Souveränität. Kritik der Existenzphilosophie Jean Paul Sartres. Freiburg: ca-ira. [ausgewählte Abschnitte] • Sartre, Jean-Paul (2010): Überlegungen zur Judenfrage. 2. Aufl. Hamburg: Rowohlt. • Ders. (2011): Geschlossene Gesellschaft. 49. Aufl. Hamburg: Rowohlt. • Ders. (2014a): Das Sein und das Nichts. 18. Aufl. Hamburg: Rowohlt. [V.a. die Einleitung; 1. Teil: Kap. 1; 3. Teil: Kap. 1-2] • Ders. (2014b): Der Existenzialismus ist ein Humanismus. In Ders.: Der Existentialismus ist ein Humanismus und andere philosophische Essays. 7. Aufl. Hamburg: Rowohlt. S. 145-192 Bemerkung Kontakt: julianjopp@gmx.de LMU München SoSe 2015 Fakultät für Philosophie Wissenschaftstheorie und Religionswissenschaft