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14. März 2017Vergangenheitsbewältigung Auseinandersetzungen mit der NS Zeit in Ost und Westdeutschland nach 1945
Fünf Jahre sind bereits wieder vergangen, seit Norbert Frei – wohl der führende deutsche Historiker, wenn es um die Erforschung der Spuren geht, die die Zeit des Nationalsozialismus im Bewusstsein der Deutschen und in der Geschichte der zwei deutschen Staaten...
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Jetzt Lernplan erstellenFünf Jahre sind bereits wieder vergangen, seit Norbert Frei – wohl der führende deutsche Historiker, wenn es um die Erforschung der Spuren geht, die die Zeit des Nationalsozialismus im Bewusstsein der Deutschen und in der Geschichte der zwei deutschen Staaten nach 1945 hinterlassen hat – in seinem Essay -1945 und wir. Die Gegenwart der Vergangenheit- konstatierte: -So viel Hitler war nie.- Er bezog sich dabei u.a. auf die breite Palette historischer Erforschung des Nationalsozialismus und die scheinbare Allgegenwart der mit dieser Epoche deutscher Geschichte verknüpften Aspekte in den Medien und der öffentlichen Diskussion. -Vergangenheitsbewältigung-, so der äußerst diskussionswürdige Begriff, der sich im Verlauf der Zeit seit 1945 für die Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer eigenen Geschichte zwischen 1933 und 1945 eingebürgert hatte, hatte Hochkonjunktur.
Auch fünf Jahre später erscheinen diese Trends ungebrochen, wenngleich inzwischen immer stärker in den Vordergrund tritt, was Frei bereits 2005 beschrieb: Die Generation der Zeitzeugen – also derjenigen, die den Nationalsozialismus selbst miterlebt haben und gerade in den 1980er und 1990er Jahren den öffentlichen Diskurs mit ihren Erinnerungen maßgeblich prägten – stirbt immer mehr aus. Heute und in Zukunft wird das Erinnern an jene -Vergangenheit, die nie vergeht- in noch viel stärkerer Form als es der ehemalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker in seiner berühmten Rede zum vierzigsten Jahrestag des Kriegsendes am 8. Mai 1945 ausdrückte, Aufgabe und Verantwortung der Generation der Nachgeborenen sein:
-Der ganz überwiegende Teil unserer heutigen Bevölkerung war zur damaligen Zeit entweder im Kindesalter, oder noch gar nicht geboren. Sie können nicht eine eigene Schuld bekennen für Taten, die sie gar nicht begangen haben. Kein fühlender Mensch erwartet von ihnen, ein Büßerhemd zu tragen, nur weil sie Deutsche sind. Aber die Vorfahren haben ihnen eine schwere Erbschaft hinterlassen. Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen. Jüngere und Ältere müssen und können sich gegenseitig helfen zu verstehen, warum es lebenswichtig ist, die Erinnerung wachzuhalten. Es geht nicht darum, Vergangenheit zu bewältigen. Das kann man gar nicht. Sie läßt sich ja nicht nachträglich ändern oder ungeschehen machen. Wer aber vor der Vergangenheit die Augen verschließt, wird blind für die Gegenwart. Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.-
Die politischen, kulturellen, juristischen und ganz besonders die emotionalen Motive jener von Weizsäcker angemahnten aktiven Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte waren in den nunmehr fast 65 Jahren seit dem Zusammenbruch der nationalsozialistischen Herrschaft in Deutschland drastischen Entwicklungs- und Veränderungsprozessen unterworfen. Gleichgültig geblieben oder im Verlauf der Zeit geworden ist den meisten Deutschen ihre eigene Vergangenheit, gleich ob sie sie aktiv miterlebt haben oder sie nur aus Erzählungen und Erinnerungen kennen können, jedoch ganz sicher nicht.
Den unterschiedlichen Schritten und Entwicklungslinien jenes häufig schwierigen Prozesses der Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte in West- und Ostdeutschland soll in dieser Grundübung nachgespürt werden. Anhand exemplarischer Beispiele werden politische, juristische, kulturelle, historiographische und mediale Aspekte ebenso untersucht werden wie der biographische Einfluss, den Generationenwechsel und Zeitzeugenschaft auf die so genannte -Vergangenheitsbewältigung- und auf – gerade in jüngerer Zeit immer mehr in den Vordergrund tretend – Bestrebungen zur -Wiedergutmachung- genommen haben.
Die Anzahl der zum Thema -Vergangenheitsbewältigung- gerade im vergangenen Jahrzehnt erschienen Überblicksdarstellungen und Spezialpublikationen ist nahezu unüberschaubar groß. Eine Auswahl-Literaturliste zu den in der Grundübung behandelten Aspekten wird daher in der Einführungsveranstaltung am 9. April 2010 zur Verfügung gestellt. Solides Basiswissen über die Zeit des Nationalsozialismus und die deutsche Geschichte nach 1945 ist Grundvoraussetzung, um gewinnbringend in der Grundübung mitarbeiten zu können. Zur Einführungsveranstaltung sollten alle teilnehmenden Studierenden sich mit der folgenden Literatur vertraut machen:
FREI, Norbert, 1945 und wir. Das Dritte Reich im Bewusstsein der Deutschen, München 2005 (aktuell verfügbar als erweiterte Taschenbuchausgabe bei dtv) (darin besonders diese Kapitel: 1945 und wir. Die Gegenwart der Vergangenheit / Deutsche Lernprozesse / Abschied von der Zeitgenossenschaft / Von deutscher Erfindungskraft. Oder: Die Kollektivschuldthese in der Nachkriegszeit)
Geschichte - Neuere und Neueste Geschichte
Die Grundübung wird als Blockveranstaltung an vier Terminen (jeweils freitags und/oder samstags) im Verlauf des Sommersemesters 2010 durchgeführt. Als Abschluss findet eine gemeinsame Halbtagsexkursion nach Köln statt. In der Lehrveranstaltung können durch regelmäßige aktive Teilnahme , die Übernahme eines Kurzreferats oder ähnlicher Aufgaben entweder zwei oder zusätzlich durch das Anfertigen einer Hausarbeit wahlweise auch vier Kreditpunkte erworben werden.
Universität Siegen
SoSe 2010
M.A.
Müller Marion M.A