Uni-München
14. März 2017Vorlesung Französische Komödie
Die Komödie als im Gegensatz zur Tragödie komische Variante des Theaterspiels ist in Frankreich insbesondere an einen großen Namen gebunden: Molière, der im 17. Jahrhundert, parallel zu den Autoren der -klassischen- Tragödie, das -niedere- Genre in den Rang eines insbesondere...
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Jetzt Lernplan erstellenDie Komödie als im Gegensatz zur Tragödie komische Variante des Theaterspiels ist in Frankreich insbesondere an einen großen Namen gebunden: Molière, der im 17. Jahrhundert, parallel zu den Autoren der -klassischen- Tragödie, das -niedere- Genre in den Rang eines insbesondere am absolutistischen Hof hochgeschätzten Spiels erhebt, dessen soziale und politische Dimensionen unterhalb der allversöhnlichen Harmonie des glücklichen Ausgangs Bruchstellen der Lebenswirklichkeit aufdecken.
Molière wird daher in dieser Vorlesung der Angelpunkt sein, von dem aus zurückgeblickt werden kann auf das spätmittelalterliche und frühneuzeitliche Theaterspiel, dessen komische Formen entweder durch das geistliche Spiel oder das Volkslustspiel geprägt sind; letzteres ist stark geprägt von dem ursprünglich italienischen Stegreiftheater der Commedia dell’Arte ; seine dominante Subgattung ist die Farce, deren berühmtestes Beispiel der anonym um 1464 erschienene Maistre Pierre Pathelin darstellt. Wenngleich Molière auch in seinen -hohen- Komödien stets Strukturen der Farce einbauen wird, so gelingt es ihm durch Anleihen bei dem -erhabenen- Genre der Tragödie, seine Figuren deutlich komplexer zu modellieren und die Körperkomik der Farce mit raffinierter Sprachkomik zu überlagern.
Seine Komödien sind bis heute nachgeahmtes Vorbild, gleichzeitig aber auch Sprungbrett für weiterführende Entwicklungen: Während bei Molière die syntagmatische Liebes- bzw. Intrigenhandlung noch reine -Ermöglichungssstruktur- (R. Warning) für das Ausspielen paradigmatisch-komischer Einzelhandlungen ist, verlagert Marivauxs Jeu de l’amour et du hasard (1730) das komische Scheitern der Protagonisten in die innere Handlung und lässt sie beständig gegen sich selbst und ihre Gefühle arbeiten. Doch weder die damit verbundene psychische Entwicklung der Hauptfiguren Marivaux‘ noch die sozialkritische Komponente der Komödien Beaumarchais‘ gefährden die -Enthebbarkeit- (K. Stierle) der dargebotenen Komik: trotz vorübergehender Destabilisierung des Individuums bzw. sozialer Anarchie kommt es am Ende zur Restitution der Ständeordnung.
Diesen Weg geht die Komödie des 19. Jahrhunderts zunächst weiter: ihr Ort wird das Vaudeville, der Boulevard, wo mit den Erfolgsautoren Labiche und Feydeau die pièce bien faite , das über die bürgerliche Moral in Schach gehaltene Lustspiel, das heterodoxe Potential der Komik weitgehend ausgrenzt und in – verlässlich witzigen – Stücken dem Publikum das immer gleiche Erwartete liefert.
Erst gegen Ende des Jahrhunderts wird die Komödie sich grundlegend erneuern. Dies geschieht in der Avantgarde, die in Frankreich insbesondere mit dem enfant terrible Alfred Jarry verbunden ist, dessen Ubu roi (1896) als bösartig-komische Attacke gegen Bürgertum, Militär und Staat die harmlosen Erwartungen des Publikums anarchisch umpflügt.
Zwar hält das Boulevardtheater sich bis heute, doch die Highlights der Komödie im 20. und 21. Jahrhundert finden sich woanders: in Becketts und Ionescos absurden Dramen, nun gar nicht mehr Komödien genannt, die das Spektrum zwischen existentiellem Ernst und komischem Spiel ausschöpfen und den Zuschauer an seinem Lachen ersticken lassen.
An die Grenze der Belastbarkeit führt auch im 21. Jahrhundert noch Yasmina Rezas Le Dieu du carnage (2006) die Zuschauer. Die Entgleisungen des gutbürgerlichen Figurenarsenals stehen in der Tradition des Boulevards; die komische und gleichzeitig furchtbare Wirkung der hemmungslosen Aggressionen, der Entfremdung der Protagonisten von einander und von sich selbst zeigen, das Beckett Pate gestanden hat.
Textauszüge der Dramen werden im Dateidepot der Vorlesung zum Ausdruck bereitgestellt; darüber hinaus ist es sinnvoll, die Dramen vollständig gelesen zu haben. Die Lektüre unterstützen soll ein der Vorlesung nachgestellter Lektürekurs, dort werden mehrere der in der Vorlesung nur auszugsweise besprochenen Texte einem gemeinsamen close reading unterzogen.
Daher sollten Sie sich folgende Texte besorgen und schon einmal die langweilige Zeit bis Semesterbeginn mit der Lektüre versüßen:
Anon., La Farce de Maistre Pathelin [1464], in: ds. La Farce de Maistre Pathelin et ses continuations Le Nouveau Pathelin et Le Testament de Pathelin, hg. v. Jean-Claude Aubailly, Paris: Sedes, 1979.
Beaumarchais, Pierre Augustin Caron de, Le Mariage de Figaro [1784], hg. v. , Paris: Petits Classiques Larousse, 2011.
Beckett, Samuel, En attendant God ot [1952], Paris: Minuit, 1952.
Feydeau, Georges, La Puce à l’Oreille [1907], Paris: L’Avant-Scène Théâtre, 2012.
Giraudoux, Jean, Amphitryon 38 [1929], m. e. Vorwort v. Jacques Robichez, Paris: Grasset, 32 2014.
Jarry, Alfred , Ubu roi [1896], hg. v. Clotilde Meyer, Paris: Petits Classiques Larousse, 2011.
Labiche, Eugène, Un Chapeau de Paille d’Italie [1851], hg. v. Olivier Balazuc/Stavroula Kefallonitis, Paris: Petits Classiques Larousse, 2012.
Marivaux, Le Jeu de l’Amour et du Hasard [1730], hg. v. , Paris: Petits Classiques Larousse, 2011.
Molière, L’École des Femmes , hg. v. Molière, L’Ecole des Femmes [1662], hg. v. A. Régent, Paris 2007.
Molière, Le Misanthrope [1666], hg. v. M. Cartier, A. Deruelle, Paris 2004.
Reza, Yasmina, Le Dieu du Carnage [2006], Paris: Magnard, 2011.
Vorbereitend seien folgende theoretische Texte empfohlen:
Mahler, A., -Lustspiel, Komödie-, in: G. Ueding (Hg.), Historisches Wörterbuch der Rhetorik, Bd. V, Tübingen 2001, 661-674.
Mahler, Andreas, -Aspekte des Dramas-, in: Helmut Brackert, Jörn Stückrath (Hgg.), Literaturwissenschaft. Ein Grundkurs , Reinbek 5 1997, 71-85.
Daneben aber auch:
Matzat, Wolfgang, Dramenstruktur und Zuschauerrolle. Theater in der französischen Klassik , München 1982.
Stierle, K., -Komik der Handlung, Komik der Sprachhandlung, Komik der Komödie-, in: W. Preisendanz, R. Warning (Hgg.), Das Komische , München 1976, 237-268.
Warning, R., -Elemente einer Pragmasemiotik der Komödie-, in: W. Preisendanz, R. Warning (Hgg.), Das Komische , München 1976, 279-333.
Warning, R., -Komik/Komödie- in: U. Ricklefs (Hg.), Fischer Lexikon Literatur , 3 Bde., Frankfurt/M. 2002, Bd.II, S. 897-936.
Bitte beachten Sie, dass die Texte im Original gelesen werden, Übersetzungen werden nicht bereitgestellt.
Department II - Griechische und Lateinische, Romanische, Italienische und Slavische Philologie, Sprachen und Kommunikation
M.A. Italienstudien: P 5.2, P 6.2
B.A.-Nebenfach SLK: Diese Veranstaltung entspricht in WP 2 dem Kurstyp -Kernveranstaltung zu Themen der Literaturwissenschaft m/n/o/p- (WP 2.0.13/15/17/19). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Portfolio (20.000-40.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten. ODER
Diese Veranstaltung entspricht in WP 4 dem Kurstyp -Kernveranstaltung zu Themen der Kultur- und Medienwissenschaften m/n/o/p- (WP 4.0.13/15/17/19). Sie erhalten 3 ECTS, wenn Sie entweder eine Klausur (30-60 Min.) schreiben oder eine mündliche Prüfung (15-30 Min.) ablegen oder ein Portfolio (20.000-40.000 Zeichen) fertigen. Die Prüfung muss benotet sein. Die Wahl der Prüfungsart liegt beim Dozenten.
LMU München
SoSe 2016
Dr.
Dürr Susanne