Uni-Kassel
14. März 2017Vorlesung Schriftspracherwerb Grundstudium 3.1 und Hauptstudium Modulzuordnung L1 M5
In den letzten 30 Jahren haben sich die Vorstellungen und Konzepte zum Erwerb der Schriftsprache grundlegend gewandelt. Lesen- und Schreibenlernen ist nicht mehr allein eine Frage des Entzifferns von Buchstaben, Wörtern und Sätzen und des motorischen Erwerbs einer Schriftform, sondern...
Erstelle deinen persönlichen Lernplan
Wir helfen dir, diesen Kurs optimal vorzubereiten — mit einem individuellen Lernplan, Tipps und passenden Ressourcen.
Jetzt Lernplan erstellenIn den letzten 30 Jahren haben sich die Vorstellungen und Konzepte zum Erwerb der Schriftsprache grundlegend gewandelt. Lesen- und Schreibenlernen ist nicht mehr allein eine Frage des Entzifferns von Buchstaben, Wörtern und Sätzen und des motorischen Erwerbs einer Schriftform, sondern bedeutet vor allem die Teilhabe an solchen kulturellen Erfahrungen, die sich auf spezifische und allgemeine Formen und Inhalte literaler Textualität beziehen. Neueren didaktischen Konzepten zufolge ist schon der Schrifterwerb nicht auf kleine sprachliche Einheiten, etwa die Beziehung von Lauten zu Buchstaben, das Entziffern von Wörtern und Sätzen und damit auf Methodenfragen im engen oder weiten Verständnis eingrenzbar. Die Aneignung von Schrift am Schulbeginn ist vielmehr auch als Produktion von Texten im Medium der Schrift zu sehen, als literale Textualität. Diese veränderte Perspektive auf den Schrifterwerb erklärt sich u.a. aus dem Umstand, dass sich der Blick für das Verhältnis von Mündlichkeit und Schriftlichkeit geschärft hat. In der Folge trägt die Einsicht didaktische Früchte, dass das Gesprochene nicht einfach mit dazwischen geschalteten Rechtschreibregeln umgesetzt wird in Geschriebenes. Konzeptionell, also aus Sicht des Sprachproduzenten (Sprechers), folgen die Versprachlichungsstrategien nicht in getrennter Weise entweder der Mündlichkeit oder der Schriftlichkeit, sondern kommunikativen Funktionen, so dass Mündliches und Schriftliches in den Äußerungen vermengt ist. Nur in medialer Hinsicht ist Mündliches von Schriftlichem dichotom getrennt (vgl. Koch/Oesterreicher 1986). Damit ist das Verhältnis von gesprochener und geschriebener Sprache nicht mehr als primäres Sprach- und - davon abhängiges - sekundäres Schriftsystem zu bestimmen, sondern als interdependentes Beziehungsgeflecht zu vestehen, aus dem die sprachlichen Äußerungen erwachsen. In Konzepten zum Schriftspracherwerb hat diese Sichtweise dem Schreiben und den Aktivitäten, die der Produktion von Texten gelten, eine grundlegend neue Funktion gegeben. Ablesbar ist das beispielsweise an den Buchtiteln von Konzepten zum Schriftspracherwerb. Hatte noch 1980 Ruth Gümbel ihre einführende Darstellung Erstleseunterricht (Gümbel 1980) genannt, waren schon 1983 in der Monographie von Hans Brügelmann die Kinder nicht auf dem Weg zum Lesen, sondern auf dem Weg zur Schrift (Brügelmann 1983). Sehr viel didaktisches Aufsehen hat dann in den 80er Jahren auch das Konzept von Jürgen Reichen erregt, das unter dem Schlagwort Lesen durch Schreiben (Reichen 1982) Unterricht und Lerngegenstand schrifterwerbsmethodisch in die Spur des selbstgesteuerten Lernens zu bringen versuchte, indem eine eingeschränkte Form phonographischen Schreibens zur Methode zum Erwerb von Lesefähigkeiten erklärt wurde. Diese Entwicklung wird für die einzelnen Felder des Schriftspracherwerbs jeweils im Überblick dargestellt. Ziel der Darstellung ist die forschungsdidaktische und fachdidaktische Auffächerung des Gegenstandsbereichs Schriftspracherwerb damit die Studierenden in der Lage sind, Einzelfragen, wie etwa die nach dem Handschreiben, dem Schriftspracherwerb mit dem Computer, der angemessenen Methode etc., verorten und bewerten zu können.
Literatur zur Begleitung der einzelnen Vorlesungen wird in der ersten Sitzung angegeben. Voraussetzung für die Teilnahme an der Modulteilprüfung ist der regelmäßige Besuch der Vorlesung. Die Modulteilprüfung findet in Form einer Klausur statt.
FB 02 Institut für Germanistik
Uni Kassel
SS2007
Prof. Dr.
Kruse Norbert